Erinnerungen wie ein Dorn im Kopf

Erinnerungen wie ein Dorn im Kopf

Wenn er als Zehnjähriger schlafen geht, und seine Mutter vor dem Einschlafen seinen Kopf länger an ihre Brust drückt als sonst. Und sie dann sagt: Versprich mir, dass du niemals Drogen nehmen wirst, niemals eine Waffe benutzen und niemals stehlen wirst. Dann weißt du, ihre Worte bedeuten: „Lebe wohl“. Einfach so.

Foto: Cornelia Bock

Foto: Cornelia Bock

„Sie hat Lebewohl gesagt. Einfach so“, erzählt der Junge aus Afghanistan im AlarmTheater. Und sein Bericht erzeugt einen von vielen Betroffenheitsmomenten, die die Performance „Da kann ja jeder kommen“ ausmacht. Denn es geht um Jugendliche, die allein nach Deutschland geflüchtet sind, also aus einer gefährlichen Situation heraus ins völlig Ungewisse.

„Unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge“ werden sie im feinsten Behördensprech genannt.  Oft ohne jegliche Papiere eingereist, genießen sie zunächst den Schutz des Jugendhilfegesetzes, werden aber sobald sie 18 Jahre alt sind, neu zugewiesen und müssen an einem anderen Ort Asyl beantragen. Ob die Feststellung der Volljährigkeit vom Amtsarzt (z.B. mit radiologischen Tests) ganz so fair ist – darüber lässt sich streiten.

„Mein Freund musste uns verlassen“

Auch die Proben für das AlarmTheater-Stück waren von Unsicherheiten geprägt. Nicht alle der Flüchtlinge, die anfangs noch dabei waren, standen am Ende auf der Bühne. Einer von ihnen erzählt: „Ich habe Bangladesh verlassen. Ich möchte einen Platz in Bielefeld. Mein Freund musste uns verlassen. Mir kann das auch passieren. Wir haben zusammen geprobt. Ich habe Krieg und Elend gesehen.“

Cornelia Bock 8

Foto: Cornelia Bock

Es gibt Augenblicke im Stück, in denen ist die Last der Jugendlichen nicht anzumerken. Es wird gespielt, getobt zu den Klängen eines hoffnungserheischenden Bolero. Doch schnell kippt die Stimmung wieder um und die Zuschauer müssen feststellen, dass die Akteure Zeitungsballen auf ihren Schultern geschleppt haben. Erdrückende Nachrichten und Schlagzeilen aus der Welt. Das Perfide daran ist, dass ihr eigenes Schicksal in den Medien kaum wahrzunehmen ist.

„Im Dorf finden die Milizen immer etwas an dir auszusetzen“, beschreibt einer der Jungen die Lage in seiner Heimat. Gefolgt von einem Bericht über die Flucht, während der er vor einer schießwütigen Polizeieskorte wegrennen musste. Gebrochen werden diese Erzählungen dann wieder mit anrührenden Szenen wie dem Tanz mit einem leeren Mantel, der Darstellung eines Abschieds am Bahngleis. „Meine Erinnerungen sind wie ein Dorn im Kopf“, erläutert der Tänzer. Sie seien mit Verlust verbunden, und mit einer verlorenen Welt.

Der ständig drohende, erneute Verlust durch das Asylverfahren schwebt über der gesamten Inszenierung. Und dass die Jugendlichen – die von der Jungen Bühne des AlarmTheaters und SchülerInnen des Oberstufenkollegs unterstützt werden – so viel sichtlichen Spaß am Spiel haben, verleiht dem Ganzen eine besonders traurige Note.

Ein Besuch der Vorstellungen an diesem Wochenende sei daher dringend ans Herz gelegt. Als PDF-Download gibt es hier eine Unterschriftenliste, mit der Politik und Verwaltung aufgefordert werden, ihren Ermessenspielraum zugunsten der Jugendlichen voll auszuschöpfen. Damit die jungen Menschen in Bielefeld bleiben können. Bitte unterschrieben im AlarmTheater abgeben (PDF-Download). Die Listen werden bis zum 9. Mai dort gesammelt.

Die weiteren Vorstellungen finden statt am: Freitag, 2. Mai (ausverkauft), Samstag, 3. Mai und Sonntag, 4. Mai, jeweils ab 20 Uhr im AlarmTheater, Gustav-Adolf-Str. 17. Karten vorbestellen unter Tel. (05 21) 13 78 09.

[Update: Alle Vorstellungen sind ausverkauft!]

(Foto oben: Rebecca Budde de Cancino)

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