Ausnahmezustand

Ausnahmezustand

Joe Welke ist sauer. Zum Liga-Spiel der Arminen gegen die Mannschaft aus der unaussprechlichen Stadt in der Nähe von Telgte will er sein Desperado schon früh öffnen. Um neun Uhr morgens geht die Tür an der Arndtstraße 20 bereits auf. Doch dieses Mal muss er ganz besonders gut aufpassen. Denn seit dem Pokalspiel gegen Mönchengladbach und der darauf folgenden Feier bei den Vier Kneipen wird offenbar den Lokalbetreibern die Verantwortung für die Menschenansammlungen an der Kreuzung zugeschoben.

Nach dem Pokalspiel am 8. April war die Kreuzung derart gefüllt, dass nicht einmal mehr die Busse hindurch fahren konnten. Am Ende sorgte eine Hundertschaft der Polizei dafür, dass die Party um 1.30 Uhr beendet wurde.

Und es gibt anscheinend ein Nachspiel: „Wir haben einen Anruf vom Ordnungsamt erhalten, dass uns in den kommenden Tagen ein Bußgeldbescheid erreichen wird“, sagt Joe. Wie hoch der ausfalle, wisse er noch nicht. Aber die Gründe wären ihm genannt worden: Zu hohe Lautstärke trotz Aufforderung und außerdem Getränkeverkauf aus dem Lokal heraus, ohne Genehmigung.

Bier von wo nochmal?

Und letzteres ist der große Knackpunkt, der für Unverständnis bei den Kneipiers sorgt: Wenn die Fans auf die Kreuzung kommen – bereits mit Getränken ausgestattet – was können sie dann dafür, dass der öffentliche Raum vor ihrer Tür zu ist? Eigentlich wäre ja jeder Teilnehmer mit Schuld an dem Verkehrskollaps. Hunderten oder gar tausenden von Menschen einen Bußgeldbescheid zu schicken, wäre wohl schwer machbar. Dann doch eher den Wirten einen bösen Brief schicken.

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Stammgäste kennen diese Botschaft schon lange.

„Unsere Läden waren viel zu voll, als dass hier noch irgend jemand reingekommen wäre, um sich ein Bier nach draußen zu holen“, sagt Joe. Und er hätte sich am Folgetag den Stundenlohn seines Lebens verdient: „125 Euro hab ich für die vielen, vor dem Haus gefundenen, halben Literflaschen an Pfand bekommen. Halbe Liter bekommst du hier in keiner Gastronomie.“ Kann also kaum sein, dass sich die Leute in den Kneipen versorgt haben.

Nadeem Rafique von der Westside Lounge war sogar beim Ordnungsamt vorstellig. Er hätte ganz gerne eine Sondergenehmigung für den Betrieb draußen gehabt, aber die gibt es nur für WM- oder EM-Spiele. Ihm wäre gesagt worden: „Machen sie es wie die letzten Male, aber sorgen sie dafür, dass die Straße frei ist.“ Valter Domingos von der Wunderbar will ebenfalls darauf achten, dass niemand mit Getränken aus seinem Lokal hinausgeht. Aber: „Ich kann den Leuten nicht verbieten, draußen auf der Kreuzung zu stehen.“

Hupen für Klose, Räumungen für Klos

Bei einigen Gästen sorgt das für Verwirrung: „Wenn die Leute bei der WM in Autokorsos die ganze Nacht lang rumhupen und trällern, ist das in Ordnung. Aber wenn die Mannschaft der eigenen Stadt vorwärts kommt, darf das nicht sein?“

Natürlich sollte auch das sein dürfen. Der DFB-Pokal ist quasi die Weltmeisterschaft auf Bundesebene. Und wenn ein kleiner Drittligist wie die Arminia sich langsam hocharbeitet, dann kann auch gerne mal gefeiert werden. Freude muss sein. Doof nur, wenn der Bus nicht durchkommt. Vielleicht mit einer Art „Busalarm“, alle zur Seite, oder ähnlichem.

Das sollten wir doch irgendwie hinkriegen, oder?

P.S.: Die Nachricht über die Maßnahmen des Ordnungsamtes erreichte Bielefelds Westliche am Freitagabend. Für eine Stellungnahme war das Ordnungsamt der Stadt Bielefeld bereits nicht mehr erreichbar.

[Update 22. April] Seit heute gibt es eine Antwort des Ordnungsamtes. Nachzulesen unter: Nachtrag zum „Ausnahmezustand“

(Foto: Valter Teixeira Domingos)

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