Zukunft? Ungewiss

Zukunft? Ungewiss

Als staatenloser Minderjähriger floh Hamid aus dem Iran

Über 5.000 Kilometer liegen zwischen dem Iran und Deutschland, und die hat Hamid allein auf sich genommen – noch nicht volljährig und mit großer Ungewissheit
darüber, was ihn erwartet. Zuvor, im Alter von 13 Jahren, war er schon einmal allein unterwegs, um seinen Vater in Afghanistan zu suchen. Denn Hamid ist staatenlos. „Im Iran hatte der Vater zu bestimmen, welche Nationalität die Kinder besitzen“, sagt er. Als es an der Zeit war, dies zu bestimmen, hatten sich seine Eltern im Iran getrennt und der Vater war zurück in seine Heimat gezogen. Zwei Monate lang habe er nach ihm gesucht, erinnert sich Hamid. Es gab viele Gerüchte: Sein Vater sei bereits tot oder bei den Taliban. Auf jeden Fall blieb er verschwunden.

Ohne eine Staatsangehörigkeit drohte Hamid die Abschiebung aus dem Iran, sobald er volljährig würde. Also beschloss er, sich Richtung Europa aufzumachen, egal, wohin genau. „Für ein bisschen mehr Spaß und ein besseres Leben, als ich es hatte.“ Dafür hat er gespart. „Und meine Mama hat von ihrem Schmuck für mich verkauft“. Das wolle er ihr unbedingt wieder zurückgeben.

Rund 8.000 Euro forderte der Fluchthelfer im Iran. Nach der Zahlung ging es zusammen mit 36 Menschen im Bus an die türkische Grenze. Geduckt, liegend, Hauptsache von den Fenstern versteckt. Die Grenzbeamten hatten wohl registriert, wer im Bus saß. Aber dank einer „großzügigen Spende“ von umgerechnet rund 5.500 Euro winkten die Grenzer sie durch.

„Es ist nicht der Ort, …“

In kleineren Bussen fuhr die Gruppe etwa hundert Kilometer zur türkischen Stadt Van und stieg dort erneut um. Auf dem 1.600 Kilometer langen Weg nach Istanbul konnten die Flüchtenden dann erstmals aufrecht sitzen.

Schweden hatte sich Hamid als Ziel ausgemalt. „Dort sind bestimmt viele Menschen sehr zufrieden“, sagt er. Auf seiner Reise hätte er sich aber mit vielen anderen Flüchtlingen unterhalten, und da er gerne mit Metall arbeitet, hatte er oft gehört: „Du musst nach Deutschland. Da wird ganz viel und überall etwas mit Metall gemacht.“ In Istanbul angekommen, stand aber erst mal einer der gefährlichsten Schritte an: Die Überschreitung der Grenze nach Griechenland. Und damit in
die Europäische Union.

1.000 weitere Kilometer, zusammen mit vielen anderen auf einem LKW, unter einer Plane versteckt, darin nur ein kleines Loch zum Atmen. Dann sind sie endlich in Europa. Doch in Athen konnte Hamid nicht bleiben. „Es gibt dort viele Schwierigkeiten, man wird schnell verhaftet und abgeschoben“, berichtet er. „Ich musste
Geld organisieren, aber immerhin hatte ich so viel, dass ich nicht sterben musste.“ Er hatte telefonischen Kontakt zu seiner Mutter. Die überwies dem Fluchthelfer Geld, und der gab es dann Hamid.

Fünf Monate lang hielt Hamid sich versteckt und suchte nach Möglichkeiten, weiter zu kommen. Mehrere Male versuchte er, auf ein Flugzeug zu gelangen. Doch sobald Fluechten01_Martin_Speckmanndie Polizisten am Flughafen ihn misstrauisch ansahen, nahm er Reißaus. Nur einmal wurde er verhaftet. Er hatte Glück: Weil so viele Flüchtlinge zugleich auf dem Flughafen aufgegriffen wurden, setzte man ihn einfach vor die Tür.

Die nächste Fahrt zur italienischen Grenze, wieder versteckt unter einer Plane auf einem LKW, dauerte zwei Tage. Dort habe er sich mit einem Zöllner angefreundet. „Der wies mir den richtigen Weg und kaufte mir eine Bahnkarte nach Mailand.“ In Mailand traf er einen Mann aus Pakistan, der eine Idee hatte, wie man weiter käme: Er organisierte eine Fahrt nach Deutschland für Hamid und einen weiteren Flüchtling über eine Mitfahrzentrale. „An der Grenze haben wir uns hinten im Auto schlafend gestellt. Und das war’s. Irgendwo in der Mitte von Deutschland wurden wir abgesetzt.“

„… es sind die Menschen“

So strandete Hamid in Bielefeld und geriet in Kontakt mit der Polizei. Als die Beamten hörten, dass er minderjährig war, riefen sie beim Jugendamt an. Ein Betreuer brachte ihn in eine Clearingstelle, in diesem Fall ins Fichteheim.

Das alles ist jetzt zweieinhalb Jahre her. Und erst nach einem Jahr in Deutschland habe er das Gefühl gehabt, in Europa angekommen zu sein. Erst habe er gedacht, er könne bald wieder woanders sein. Aber inzwischen will er aus Bielefeld gar nicht mehr weg. „Größere Städte sind zum Urlaub machen. Bielefeld ist nicht so groß, hier kennen sich viele. Aber auch nicht zu viele.“ Deutsch hat er schnell und gut gelernt. „Klar, ich wollte die Sprache lernen. Ich dachte: Ich will auch mit denen sprechen.“ Über seine Leidenschaft, das Theater, hat er schnell Freunde gefunden – bei Uni-Ensembles und im AlarmTheater. „Es ist nicht so sehr der Ort, es sind die Menschen. Und ich bin auch ein Mensch.“ Er sei durch zehn Länder gereist und habe festgestellt, dass die Menschen eigentlich überall gleich sind. Sie unterschieden sich lediglich in Kleinigkeiten.

Viele Leute haben sich für ihn bei der Ausländerbehörde eingesetzt – die Uni, die Schule, auf die er geht. Und er wurde mit der Volljährigkeit nicht verlegt, wie es normalerweise geschieht. Hamid wird „geduldet“, sein Asylverfahren läuft. Und bald beginnt er eine Ausbildung als Zerspanungsmechaniker. Hamid macht dann tatsächlich „etwas mit Metall“ – in Deutschland.

(erschienen in der „Viertel„, Nr. 28, aktuell überall im Westen kostenlos erhältlich. Fotos: Martin Speckmann)




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