Von Mensch zu Mensch

Von Mensch zu Mensch

In der Flüchtlingshilfe engagieren sich viele. Daran haben auch die Ereignisse in der Silvesternacht nichts geändert. Was Ehrenamtliche bewegt und was sie bei der Stange hält, hat Silvia Bose in der Almhalle erlebt. Ein Gastbeitrag, erschienen in der aktuellen „Viertel„.

Worte hallen von geklinkerten und vertäfelten Wänden. Das Grundrauschen der Klimaanlage scheint alles zu dämpfen – Gesprächsfetzen, schlurfende Schritte und arabisch klingende Musik. Fenster in unerreichbarer Höhe spenden Tageslicht in der 15 mal 60 Meter großen Halle. Auf Mannshöhe geheftete bunte Kinderbilder verlieren sich an den Riesenwänden. Ab und zu kommt jemand vorbei. Ein junger Mann mit Kopfhörer. Eine telefonierende Frau. Ein älterer Herr in Anzug und Lackschuhen. Alle ziehen Runden durch die Halle, immer mit langsamen Schritten, als verginge die Zeit dann schneller.

»Hier wollen alle weg«, sagt Astrid Michaelis. Grauer Bob. Große schwarze Brille. Ihr hellwacher Blick wandert durch den tristen Aufenthaltsraum. »Und ich kann das gut verstehen.« Die 56-Jährige ist eine von vielen ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen, die versuchen, das Leben der über 80 zumeist aus Syrien, Iran, Irak und Afghanistan geflüchteten Menschen in der Almhalle erträglich zu machen – und ihnen den Start in Deutschland zu erleichtern.

Als die Stadt Ende vergangenen Jahres entschied, die Sporthalle zur Unterkunft umzurüsten, hat Astrid Michaelis nicht lange überlegt. »Ich wollte mithelfen, klar«, sagt sie und fügt mit ihrer so geduldig klingenden Stimme hinzu: »Das ist einfach Nachbarschaftshilfe.« Mit Nachbarschaftshilfe hat es auch angefangen. Im August war das. Ihre Nachbarin in der Rolandstraße hatte sie angesprochen und um Hilfe gebeten. Sie hatte einen jungen Syrer im AJZ kennengelernt, der nicht wusste, wo er hin sollte. Ob Astrid Michaelis nicht eine Idee habe. Die setzte sich mit ihrem Mann zusammen und die beiden entschieden, den Flüchtling zu sich einzuladen. Erst einmal für eine Nacht, weil sie am Wochenende verreisen wollten. Der junge Mann hieß Tamim*, und weil die drei sich auf Anhieb gut verstanden, gab das Ehepaar ihm am nächsten Tag den Haustürschlüssel für weitere Nächte.

Wertvolles Ehrenamt

»Astrid war hier eine der ersten ehrenamtlichen Helferinnen«, erzählt der Hausleiter Eckhard Niermann im kleinen Kabuff, in dem sich feste Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes und die Ehrenamtlichen zu ihren Teamsitzungen zusammenfinden. An den Wänden Spinde, abgestoßene Heizkörper und eine Tafel mit vollem Wochenplan. Eckhard Niermann ist davon überzeugt, dass kaum eine Flüchtlingsunterkunft so rund läuft, wie die Almhalle. Nirgendwo sei die Resonanz von Unterstützungswilligen so groß wie im Bielefelder Westen. Bei einer Veranstaltung in der Bosseschule haben 150 Leute ihre Hilfe angeboten. Einige unterstützen die mobile Kleiderkammer, andere geben Essen aus. Die Lydia-Kirchengemeinde zieht mit, der Sportverein TSVE und viele mehr. Über 60 Frauen und Männer wollen als Lernpaten einzelne Geflüchtete unterstützen. Und weil gerade Beschäftigung, Ablenkung und Tagesstruktur in solchen Einrichtungen so wichtig sind, bieten andere Lauftreffs, gemeinsames Kochen, Gärtnern, Spielkreise oder Schwimmen an. »Ohne die Ehrenamtlichen wäre das hier eine Cateringhalle, mehr nicht«, sagt der Hausleiter.

Im Kabuff hat er sich mit Astrid Michaelis an einen der drei Resopaltische gequetscht. Eckhard Niermann freut sich offensichtlich, die Helferin zu sehen, und nennt sie nicht nur in Anspielung auf ihre Haarfarbe »graue Eminenz«. Sie hat schon Kinderspielzeug besorgt, Fahrräder organisiert, Kleidungsspenden herangeschleppt und Lösungen für fast alle Probleme gefunden, die ihr untergekommen sind. »Ich brauche sie, um außen Unterstützung zu kriegen. Sie ist vernetzt ohne Ende – und sie gehört zur Almhallenfamilie«, sagt der Hausleiter und schaut dabei zu Astrid Michaelis. Sein Lob treibt ein zartes Rosa auf ihre Wangen. Später sagt sie: »Almhallenfamilie? Ich weiß nicht. Dazu bin ich zu wenig hier«.

Hier macht jeder das, was er kann. Wie Karin Lenk. Noch so eine Frau der ersten Stunde. Die Rentnerin war dabei, als das Deutsche Rote Kreuz mit ehrenamtlichen Helferinnen die Halle herrichtete, 200 Betten zusammenschraubte und Anfang Januar Essen an die ersten Flüchtlinge ausgab. Auch für sie ist die ehrenamtliche Arbeit in der Flüchtlingshilfe eine Selbstverständlichkeit. »Ich finde, dass meine Lebensweise etwas damit zu tun hat, dass es Leuten woanders auf der Welt schlecht geht und so Gründe liefert zu flüchten«, erklärt sie.

An der Essensausgabe lernte sie eine Asiatin und ihren Sohn kennen. Seitdem verbringt Karin Lenk als Lernpatin Zeit mit den beiden. Sie ist mit der Frau einkaufen gegangen und hat sie zur Verfahrensberatung beim AK Asyl begleitet. Sie lernt mit ihr das deutsche Alphabet und geht mit ihr spazieren. Und weil die Ehrenamtliche gleich nebenan in der Melanchthonstraße wohnt, kommt sie auch schon mal kurz vorbei, zum Beispiel, um Hustentee für das Kind zu bringen. »Wenn man sich kennenlernt und sich sympathisch ist …«. Karin Lenk lächelt. »Es ist ’ne gute Arbeit, aus der neue Kontakte und Erfahrungen hervorgehen. Ja, und auch Spaß.«

Auch Astrid Michaelis profitiert von ihrem Ehrenamt. »Ich bin gerne erfolgreich«, sagt sie selbstbewusst. »Ich finde es wunderbar, etwas beim Jobcenter zu erreichen, einen Platz in einer Kita zu ergattern oder eine Wohnung für jemanden zu finden.« Wer einmal in den zwei Schlafhallen war, versteht, wie wichtig Wohnungen für Geflüchtete sind. Zwei Meter hohe, mit dickem Stoff bespannte Bauzäune trennen so genannte Waben, quasi die Zimmer mit Betten und einem Schrank. Jedes Flüstern, jeder Furz und leiser Fluch von nebenan ist zu hören. Privatsphäre oder auch nur Ruhe gibt es hier nicht. Wohlfühlen wird sich hier kaum jemand, einige leiden auch unter der Situation. Wie eine Mutter, die Astrid Michaelis aufgefallen war. Die Frau war wie gelähmt, hat nur geweint. Inzwischen wohnt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Haus, das Astrid Michaelis und ihr Mann vor kurzem gekauft haben und in das sie bald einziehen wollen. »Wenn ich was will, dann gibt es auch eine Lösung«, sagt die Flüchtlingshelferin. »Besonders gut kann ich das, wenn ich die Menschen mag. Ich bin eher persönlich unterwegs«.

Bei ihr melden sich viele, bitten um Rat oder bieten Hilfe an. Das mag daran liegen, dass sie klar und offen wirkt, zupackend, überzeugend und verbindlich. »Ich nehme Informationen auf und bringe sie wie kleine Puzzleteile zusammen«, beschreibt Astrid Michaelis ihre Arbeitsweise. Als Sozialarbeiterin einer Mutter-Kind-Einrichtung in Versmold ist ihr das Thema Burnout natürlich vertraut, gefährdet sieht sie sich aber nicht. »Mein Vorteil ist, dass ich gelernt habe, wertschätzend ›Nein‹ zu sagen.«

Aufs Gleichgewicht aufpassen

Auch Karin Lenk ist sich sehr bewusst, dass ein Ehrenamt auch immer die Gefahr birgt, sich zu übernehmen. Deshalb versucht sie, ihr »Leben schön weiterzuleben« und die Zeit in der Almhalle bewusst zu verbringen. Aber Zu Hause gehen ihr die Roma aus Mazedonien nicht aus dem Kopf, die jetzt abgeschoben werden sollen. Dann sitzt sie am Computer und recherchiert zu Asylverfahren, Meldepflicht und Anhörungen. Sie sorgt sich um die über 20 Kinder in der Almhalle, die noch keinen Schul- oder Kitaplatz haben. Oder sie denkt darüber nach, wie wenig viele Geflüchtete in der Almhalle über das deutsche Asylrecht wissen und dass doch Anwälte aus dem Viertel sich einbringen könnten. Überhaupt, die Bewohner des Westens mit ihrer Mehrsprachigkeit und ihren Professionen. Da müsste doch mehr drin sein für die Geflüchteten in der Almhalle. »Ich muss schon aufpassen, dass es im Gleichgewicht bleibt«, gesteht Karin Lenk.

Das müssen bestimmt viele Ehrenamtliche – angesichts der Trostlosigkeit in solchen Unterkünften. Nahe des Eingangs fläzen sich in einer Sofaecke junge Leute, als säßen sie hier schon seit Stunden, bemüht nach all der Sitzerei noch eine bequeme Haltung zu finden. Andere ziehen mit weiter langsamen Schritten ihre Runden durch die Aufenthaltshalle, vorbei an der verwaisten Spielecke und 30 Biertischgarnituren.

Da sitzt Astrid Michaelis, schaut auf die Szenerie. Eben im Gespräch mit dem Hausleiter Eckhard Niermann ging es noch um eine Wohnung, die sie vielleicht organisieren kann. Gleich geht sie nach Hause und wird weiter Platz schaffen für den jungen Syrer, den ihre Nachbarin einmal im AJZ aufgelesen hatte. Tamim wird vorübergehend bei ihr und ihrem Mann einziehen. Er hat inzwischen Asyl, erst einmal für drei Jahre. Die ehrenamtliche Helferin, ihre Familie und Tamim sind Freunde geworden. Und vielleicht auch ein bisschen mehr. »Tamim«, sagt Astrid Michaelis, »ist mein syrischer Sohn.«

*Aus Angst vor dem syrischen Geheimdienst will der Geflüchtete unerkannt bleiben. Deshalb haben wir den Namen geändert und kein Foto von ihm.

(Titelbild: Ayham und Astrid Michaelis, Copyright: Martin Speckmann)

Siehe auch:
Angekommen in der Almhalle

Die aktuelle Ausgabe der „Viertel„, Nr. 30, liegt derzeit überall im Stadtteil kostenlos aus.

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