Eva Boßmann las in der Bürgerwache.

Vom Sudan zur Meise

Wie? In NRW gibt’s Lyriker? Die sitzen doch alle in Berlin?“ Wenn es um Gedichteschreiber ginge, sei dies der Eindruck der meisten Menschen. So schilderte es Moderatorin Marie T. Martin am Sonntagnachmittag in der Bürgerwache. Um den Gegenbeweis anzutreten, wurde vor vier Jahren der NRW-Wettbewerb „Postpoetry“ ins Leben gerufen. Und zum wiederholten Mal waren zwei Preisträgerinnen zum Vortrag eingeladen. Postpoetry bedeute nicht nur, die preiswürdigen Gedichte im Netz zu posten. Sie sollen auch ganz traditionell mit der Post verschickt werden. Deshalb würde jeder Preisträgertext mit typographischen Mitteln als Postkarte künstlerisch gestaltet und in hoher Auflage gedruckt, erläuterte Martin – selbst Preisträgerin aus dem Jahr 2011 – Zweck und Ziele des Wettbewerbs.

Als eine der aktuellen Preisträgerinnen war Eva Boßmann aus Aachen gekommen. In dem älteren, aber immer noch aktuellen Gedicht Unbenannt„sudan. entstelltes darfur“ versuchte sie – so das Urteil der Jury – nicht mit Meinung an den Leser zu appellieren, sondern nur Geschehnisse aus den Nebenschauplätzen des Krieges zu schildern. Und dabei handele es sich um besonders „beunruhigende und verstörende Bilder“ (siehe Scan der Postkarte rechts).

Boßmann, die beruflich als Krankenschwester arbeitet, konnte aber auch mit anderen Themen beeindrucken. So hatte sie ihre Brustkrebserkrankung und die ungewisse Zeit bis zur Genesung in dem Gedicht „Requiem“ verarbeitet. „In den feinen Gesichtszügen liegt fragend die nächste abschüssige Wiese“, heißt es da. Mit der bösen Ahnung – um beim Wiesen-Bild zu bleiben: „Da blüht dir noch was“. Schlussendlich wird der Tonfall resigniert: „Wer singt aus dem Chor das Requiem, damit ich fallen kann aus dem Leben in eine Hand voll?“ Doch so weit ist es – wie wir wissen – zum Glück nicht gekommen.

Die Nachwuchspreisträgerin Sirka Elspaß (Jahrgang 1995) konnte krankheitsbedingt nicht erscheinen. Der Lyriker Hartwig Mauritz sprang für sie ein und trug aus ihren Werken vor. Das „Glanzbild einer Meise“ (siehe Postkarte unten) spielt mit vermeintlicher, jugendlicher Naivität und erkennender Einsicht dazu im Gegensatz. Zwei Freundinnen wollen Bilder von Batman kaufen, ergattern aber nur ein titelgebendes Meisen-Glanzbild. Um am Ende zu entdecken, dass die Schönheit des letzteren vielleicht viel besser dazu imstande gewesen wäre, jemanden vom Suizid abzuhalten, als „der Retter in der Nacht“ aus dem Comic.

Elspaß

Für Monika Littau, Mitorganisatorin von Postpoetry.NRW, ist das ein gutes Beispiel dafür, dass die lyrischen Themen von Jugendlichen sich oft nicht von denen der Erwachsenen unterscheiden: „Trauer, Tod, Liebe, manchmal auch Umwelt – auch das findet sich bei den jungen Leuten“. Die Frage, auf welche Art und Weise sich Jugendliche denn außerhalb von Poetry Slam sprachkünstlerisch ausdrücken, beantwortete Littau: „Junge Leute fangen in der Regel mit Lyrik an zu schreiben“. Einer der Ziele des Postpeotry-Wettbewerbs sei es, ihnen damit eine Plattform zum Besprechen zu geben.

Weitere Infos:
www.lit-nrw.de

 

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