Über den Schatten springen

Über den Schatten springen

Ein Sprung kann metaphorisch voll mit Bedeutungen geladen werden. Im AlarmTheater gewannen die AkteurInnen SprüngePremiere (c)Cornelia Bock (10)der Tanzperformance „Sprünge“ dem Wort äußerst viele Facetten ab und gaben sie extrem dynamisch und energiereich einem dankbaren Publikum wieder. Auch wir waren herzlich ergriffen und danken dafür.

Der Charme des AlarmTheaters besteht darin, dass das Publikum stets gleich beim Betreten des Saals in Aktion eingebettet wird. Nie sieht es wie beim vorigen Mal aus, Bei dieser Inszenierung sitzt (oder steht) man fast mittendrin im Geschehen. Und wird überrascht vom Paartanz zu Beginn und dem anschließend vorgetragenen Wunsch, der Sommer möge endlich zu Ende gehen, um wieder in eine Pfütze springen zu können. Ganz nebenbei, aber bestimmend, wurde dies großformatig mit einem Video eines in einer Pfütze spielendes Kindes visualisiert.

Was ist ein Sprung? Womöglich kann das so beschrieben werden: Plötzlich und mit einem Satz den Standpunkt ändern. Oder eine Einstellung. Eine Kehrtwende. Sprunghaft eben. Und so wechselte die Stimmung im Raum minütlich. Zwischen den eindrucksvollen, eben mit Sprüngen untersetzten und schnellen Choreographien, die synchron über fünf Wochen (täglich! in den Ferien!) erprobt wurden, gab es einfühlsame Beiträge der neun DarstellerInnen.

Das Finden von Liebe und Vollkommenheit

Denn der „Sprung“ zu etwas anderem ist nicht einfach. So ließ die leise und gefühlvolle Interpretation von Leonhard Cohens „Waiting for the Miracle“ darauf schließen, dass das Loslassen vom Gewohnten doch schwer SprüngeGP4(c)Cornelia Bockfällt. Erste Bewegung zur Veränderung gab es dann bei der Geschichte vom Jungen, der sich vorgenommen hat, seine Liebe oder Vollkommenheit zu finden.

„Entschuldigung, das ist mein Stuhl.“ Mit solchen oder anderen, direkt an Zuschauer gerichteten Fragen verstand die Regie es, die Konzentration der Anwesenden in der komprimierten, einstündigen Performance gehörig auf die Probe zu stellen, um gleich im Anschluss wieder poetisch, aber natürlich mit gleichzeitiger Aktion verbunden zu werden: „Ich will über meinen Schatten springen. Ich habe es tausend Mal versucht, aber er ist mir immer ein kleines bisschen voraus,“ wurde rezitiert, während die Damen des jungen Ensembles auf Stühlen liegend in das Publikum rückten. Um sich danach an den eigenen Haaren in die Senkrechte zu ziehen.

Der „Schattensprung“ als naheliegendes Motiv kam mehrfach zum Einsatz. „Das ist mein Schatten, der versteckt sich seit Jahren. Er versteckt sich hinter Formen, hinter mir […]. Er will, dass ich verrückt werde.“ Bezeichnend an dieser Stelle ist natürlich, dass man sich beim Sprung kurzzeitig von seinem eigenen Schatten trennen kann.

Dein Gehirn riecht nach Zuckerwatte

Humor wurde ebenfalls in den von den Akteuren ausschließlich selbst verfassten Texten bewiesen. „Ich habe meine Nasenspitze in deinem Ohr, dazwischen ist etwas Frisur,“ gab es in einer innigen Szene zu hören. „Ich rieche dein Gehirn. Es riecht nach Zuckerwatte.“

Und das, um kurz danach wieder in den Nervenkitzel zu springen, wenn eine der jungen Frauen das Gerüst bestieg, um ungeschützt von oben die Angst vor dem Sprung vom 10-Meter-Turm zu beschreiben. An der Stelle blieben im Saal ausgenommen alle Herzen stehen. Und selbst die darunter platzierte Regie gab mit Britta Sophie Bornhöft-Graute zu, für diese Stelle habe sie überlegt, Helme zu tragen – für den Fall, dass die Komparsin von Oben herunterfällt. Aber die Unsicherheit war nur professionell gespielt, alles war gut.

Auch hier machte sich die multimediale Präsenz des Stücks vorteilhaft bemerkbar. In den fünf Wochen Arbeit wurden Videos gedreht, die während Tanz und Wortbeiträgen gezeigt wurden – die Menschen, die live auf dem Parkett beim Agieren zu sehen waren, liefen auf der Leinwand springend durch den Westen, an die Wände, über Hindernisse wie über die vielen Baustellen. Und für die 10-Meter-Turm-Passage stellten sich einige von ihnen tatsächlich auf den Turm im Wiesenbad, zweifelnd und hadernd über den Schritt über die Kante. Um dann – auf der gegenüberliegenden Leinwand – beim Eintauchen gezeigt zu werden.

Über den Schatten springen

Sprünge (1)Das Ensemble wusste allerdings, das Herz zu beruhigen und schnell zurück zu gewinnen, ohne dass es jemals verloren gegangen war. Zum Beispiel mit der ungewohnten Art, sich auf die Bühne zu stellen und alle Anwesenden darum zu bitten, beim Stagediving aufzufangen (was gelang). Oder einzeln vor den Zuschauern niederzuknien, die Hände zu nehmen und sie freundlich anzulächeln. Man war sich einig: In der Kunst geht das, im Alltag würde man dafür für verrückt erklärt werden. Außer man spränge vielleicht einmal über seinen Schatten.

Das Team vom AlarmTheater verstand es mit „Sprünge“ erneut, das Publikum weltverliebt in den Abend zu entlassen. Sehr zu empfehlen.

Weitere Vorstellungen gibt es am Donnerstag, 7. September, und Freitag, 8. September, jeweils um 20 Uhr. 

Der Eintritt kostet 12 Euro, ermäßigt 8 Euro. Für Schüler 6 Euro. Karten können telefonisch unter (05 21) 13 78 09, per Mail an info@alarmtheater.de oder unter www.alarmtheater.de vorbestellt werden.

(Fotos: Cornelia Bock)

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