Kommentar: Kühlere Gemüter

Kommentar: Kühlere Gemüter

Mal ganz ehrlich: Das Thema rund um die Parkplätze im Westen behandelt der Verfasser nicht gern. Denn einerseits sind die Auswüchse darum ganz und gar nicht „nett“, widersprechen also dem Grundgefühl, das Bielefelds Westliche vermitteln will. Andererseits empfindet er es persönlich als „lästig“, da er selbst gar kein Auto besitzt und auch nicht für nötig empfindet (noch einmal: persönlich, darum ist dies hier auch ein Kommentar).

Wenn es nach ihm ginge, dann wäre der Westen sogar eine komplett autofreie – wenn auch für den ÖPNV beschränkte – Zone. Wie schön das wäre: Sicher über die Arndtstraße flanieren, da tun sich ganz neue Möglichkeiten für den Handel und die Gastronomie auf. Aber  hier geht es ja nicht nur um ihn und damit eckt er selbst im engsten Freundeskreis an, auch bei Menschen, die er ansonsten als sehr tolerant in vielen Dingen und ökologisch bewusst lebend einschätzt. Auch dort wird dann überraschend deutlich Partei für die Autofahrer ergriffen.

Das Thema scheint emotional hoch aufgeladen zu sein, es hat das Potential, Unfrieden im Viertel zu stiften und sogar Freundschaften auseinander zu bringen. Und das ist nicht im Sinne des Verfassers. Manchmal, wenn er wieder auf die Vernunft der Leute hofft, denkt er dabei an eine Sequenz aus einem älteren Film, in dem ein ambitionierter Stadtplaner Gelegenheit hat, dem Bürgermeister seine Idee von einem alle Stadtteile verbindenden „Superzug“ vorzustellen. Der Bürgermeister sagt schnell und deutlich „Nein“ zu dem Vorschlag. Seine Begründung: „Weil die Menschen ihre Autos lieben“.

Emotionalität

Das könnte tatsächlich ein Grund dafür sein, dass die Diskussion stets derart hochkocht, wenn es um das Auto geht. Dabei ginge es auch anders wie bei Kommentator ben_, der ebenfalls radikale Autofreiheit fordert und von dem der Verfasser zufällig weiß, dass er als Familienvater, der beruflich oft quer durch die Republik pendelt, komplett ohne PKW auskommt. Möglich ist das und oft auch sogar billiger.

Bei dem Leserbrief, der hier kürzlich einging und hier veröffentlich wurde, vermutet der Verfasser ebenfalls einen hohen Grad an Emotionalität. Vielleicht wurde das Schreiben sogar im Affekt verfasst, anders lassen sich gewisse Entgleisungen darin nicht erklären. Obwohl er mit der Schreiberin per E-Mail vereinbart hatte, sie namentlich nennen zu dürfen, hat er es dann doch lieber gelassen und „Name der Verfasserin der Redaktion bekannt“ darunter gesetzt. Wer weiß, am Ende leidet sie hier im Viertel noch darunter, schließlich kennt sich hier fast jede/r. In der Zeitung wäre das nicht möglich, aber auf Facebook ist – gefühlt – die Hälfte anonym unterwegs. Doch es genügt bereits, wenn der Verfasser sich mit seinem Namen öffentlich „zum Horst“ macht (und z.B. von sich selbst in der dritten Person schreibt – wie die Zeitungen es in ihren Kolumnen tun).

„Veröffentlichen? Nicht veröffentlichen? Veröffentlichen? Doch, los!“

„Ach, das hätte ich auch so schreiben können, wenn ich sauer bin“, sagte kürzlich eine Dame über besagten Leserbrief. Die darin geschilderte Ansicht teilt er zwar persönlich nicht, aber da die Diskussion derzeit eine der brennendsten im Viertel ist, lässt sie sich kaum ausblenden. Die Ausdrucksweise stellt vielleicht ein Extrem dar, und in den Kommentaren darunter zeigen sich wieder andere Extreme. Diese zumindest darzustellen oder zu zeigen, dass es „so etwas“ gibt, da kommen wir einfach nicht drumherum.

Doch wie soll die Lösung dieses Konflikts, der immerhin imstande ist, die Meinungen der Nachbarschaft zu spalten, aussehen? Wäre es besser gewesen, die Verwaltung hätte vor ihren Entscheidungen eine Anwohneranhörung veranstaltet? Oder hätte sich danach auch wieder eine womöglich andere, große Fraktion benachteiligt gefühlt?

Oder bringt die Zeit vielleicht irgendwann die Einsicht, dass es nicht wie bisher weiter geht, wenn immer mehr Autos gekauft werden? “Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche“, zitiert Kommentator Hartmut hierzu Umberto Eco.

Es bleibt zu hoffen, dass der aktuelle Streit nicht irgendwann zu Pöbeleien auf den Straßen und Rangeleien um die letzten verbliebenen Parkplätze führt. Es gilt auf jeden Fall friedlich und sachlich zu bleiben. Hey, wir sind hier im Westen. Und es ist an der Zeit, die Gemüter etwas zu abzukühlen und wieder einen ruhigen Tonfall zum Thema zu finden. Denn dafür sind uns doch die netten, gemeinsamen Feierabende auf dem Siggi und anderswo viel zu kostbar, nicht wahr?

Also: Peace, Love and Harmony.

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