"Ich will Haut so nah"

„Ich will Haut so nah“

„Was mache ich hier? Jetzt, wo ich hier in diesem Raum stehe, frage ich mich: Was mache ich hier?“ schreit es durch Generalprobe_Hautnah(c)Cornelia Lembke (15) kleinden Saal des AlarmTheaters. Es ist die Desorientierung, Isolation und vor allem Angst, die da aus den Akteuren spricht. Die 18 Darsteller des internationalen Jugendensembles haben sich einem Thema angenommen, bei dem ansonsten viele wegschauen: Dem Menschenhandel.

Die Hälfte der Spielenden besteht aus jungen Flüchtlingen, die auf ihrem Weg nach Deutschland jede Menge gesehen haben. Und ebenso viel zum Thema beisteuern können. Eine der Text-Einblendungen lautet wahrheitsgemäß: „Sie verlassen ihre Heimat in der Hoffnung auf ein besseres Leben und enden im Albtraum: Mehr als 45 Millionen Menschen sollen in Sklaverei leben.“ Und damit wird nicht nur die Textilbranche angedeutet, die mit einem ständigen Nähmaschinengeräuch präsent und gerade in Bielefeld durch die kürzliche Ansiedlung eines großen Textil-Discounters im Gespräch ist. Nein, nicht nur: „Die Hilfsorganisation Unicef schätzt die Zahl der sexuell ausgebeuteten Jungen und Mädchen auf 1,2 Millionen.“

Wer vor Krieg, Hunger flüchtet in Richtung „Schlaraffenland“ Europa, hat anfangs – so berichten es einige der Flüchtlinge beim Gespräch im Foyer – zwar vor Augen, dass der Weg lang und beschwerlich sein wird. Aber die Gefahren der Ausbeutung stehen zunächst nicht in Priorität – vor allem nicht die, die es in Europa selbst gibt. Und so Premiere_Hautnah (c) Cornelia Lembke (19)wird die wechselvolle Stimmung in der Performance auch umgesetzt. Es herrscht Tanz, es wird von der Bühnenkonstruktion gehangelt, es herrscht Frohsinn. Und dazu gleitet das hoffnungsvolle „Ave Maria“ hinein in die Melodie einer einlullenden „Stille Nacht“. 

Mutter warnte mich: Geh der Kinderfängerin aus dem Weg!

Dann werden die Körper erschöpfter/toter Jugendlicher in Containern über die Bühne gezogen. Es sind austauschbare, entführte, betrogene oder getäuschte Leben und „Das Unsägliche geht, leise gesagt“ über’s Land“. Erzählungen von früher werden plötzlich wieder relevant: „Als ich drei Jahre alt war, warnte mich meine Mutter davor, der ‚Kinderfängerin‘ aus dem Weg zu gehen. Damals dachte ich, es sei ein Schauermärchen.“

Das Schauermärchen ist aber zum Beispiel in Deutschland an der Tagesordnung. Es wird aufgeklärt, dass das Strafgesetzbuch zwar den Tatbestand Menschenhandel kenne, er aber viel zu wenig angewandt würde. Im Dialog wird deutlich, wie oft die Straflast umgekehrt wird: „Sie sind freiwillig in diese  Autos gestiegen“ – „Sie haben freiwillig täglich mit 18 Männern geschlafen“ – „Sie sind als Prostituierte die Verbrecher“.
Vor der Flucht hätte die Mutter noch sehnsüchtig an ihr Kind gedacht und an viele kleine Details. Die zwei kleinen Wirbel in seinem Nacken. Die Wimper, die sich gelöst hatte und auf seinem Schlafanzug gelandet war. Echte Nähe schafft einen tröstenden Ausgleich. Unter Umarmungen und den Worten der Mitdarstellerin Louisa Devianté erklärt sich der Titel des Stücks schnell:

Deine Haut auf meiner Haut.
Deine Haut nah an meiner.
So nah, dass ich vergesse,
dass deine Haut nicht meine ist
und meine Haut nicht Deine ist.
Ich will Haut so nah,
dass ich dich und mich verstehe,
dass kein Geheimnis mehr
zwischen uns passt.

Mein Traum: Meine kleine Schwester zu umarmen

Das Ensemble versinkt in den gespielten Schlaf, in durchaus merkwürdigen, beengten Positionen („Guten Abend, Premiere_Hautnah (c) Cornelia Lembke (5)gute Nacht […]. Morgen früh, wenn Gott will (!), wirst du wieder geweckt…“). Und es wird deutlich, dass sich die Akteure etwas anderes erwünscht hätten als das, was ihnen aktuell begegnet.  „Morgen früh, wenn du aufwachst, ist deine Mutter, die dir die Zöpfe flechtet, wieder verschwunden.“ Oder: „Ich träume von zwei Dingen: Wieder einmal in einem Bett zu schlafen. Und meine kleine Schwester zu umarmen.“

Doch der Arbeitstrott geht mit den Textilien – stellvertretend für alle Formen der Ausbeutung – mit einer überbordenden Choreographie und dem sychronen Anziehen zahlreicher T-Shirts im Tanz weiter. Um sie im weiteren Schritt wieder auszuziehen. „Wozu braucht man überhaupt ein T-Shirt, das kaum mehr kostet als ein Kaffee um die Ecke?“ wird da nicht ganz zu Unrecht gefragt und Einkommensumverteilungen auf der Welt angesprochen.

Sehr direkt wird aber darauf hingewiesen, dass der allgemeine Fokus auf Ökonomie und Effizienz zur Ausgebranntheit führt. Und zur Verunsicherung im Zwischenmenschlichen: „Ich traue mich nicht, mich in deine Arme fallen zu lassen. Zu oft haben sie mich nicht gehalten.“

Die Distanz liegt zwischen den Herzen

Premiere_Hautnah (c) Cornelia Lembke (21)So schwer, wie das klingen mag, kommt die Aufführung des AlarmTheaters leichtfüßiger daher als das Thema zunächst erscheinen lässt. Tanz, Gesang und viele komische Elemente lassen die Betrachter oft zwischen Mitleid, Begeisterung und Gelächter schwanken. So sei zum Beispiel nicht nur hier das Problem „die Distanz liegt zwischen den Herzen. Und sie ist größer als die zwischen den Ohren“.

Am Ende raufen sich die Darsteller auf, es kommt es sogar zu einem fulminanten Aufbruch und Aufruf zur Rebellion und der Forderung zur Aufnahme ihrer selbst.

Eine zentrale Aussage des Stücks – irgendwo in der Mitte platziert – ist dann plötzlich wieder da: „Herzlichen Glückwunsch. Sie und ich gehören zu den 20 Prozent der Weltbevölkerung, die sich Waren aus der Fabrikwelt leisten können. Das Schöne ist, der Konsument, er fragt nicht nach, er kauft.“

Tja, fragen wir doch einmal nach.

Von „Hautnah“ gibt es zusätzliche Vorstellungen, am 19., 20., 26. und 27. Januar, jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es hier.

Außerdem setzt sich das AlarmTheater für die „Frauenbewegung María Elena Cuadra“ und deren Spendenaufruf für Frauen in der globalen Bekleidungsindustrie ein.
Link hier: https://www.ci-romero.de/de/spenden_nicaragua_arbeit_mec/

Bilder (Cornelia Lembke):

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