Griff nach dem Glück

Griff nach dem Glück

„Glück ist überall zu finden. Glück ist universell“. Mit diesen Worten werden die Besucher des Stücks „Glücksgriff“ in den Saal des AlarmTheaters geführt, um sich die aktuellste Produktion anzusehen. Diese eingangs zuversichtlich klingenden Sätze wirken um so erstaunlicher angesichts der Tatsache, dass es sich bei einem Großteil der Darsteller um minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge handelte. Nicht nur das, einer von ihnen fehlte sogar: Gurjot hatte mit ihnen geprobt, wurde aber kurz vor der Premiere auf 19 Jahre geschätzt und von der Ausländerbehörde in eine andere Stadt umverteilt. Einfach so.

Glücksgriff_(c)Cornelia Lembke (3)

Foto: Cornelia Lembke.

Von Glück schien zu Beginn auch keine Spur zu sein. Unsichtbar verbarg sich der Chor hinter einem Vorhang und stimmte in den Fremdling von Georg Philipp Schmidt von Lübeck ein: „Die Sonne dünkt mich hier so kalt / Die Blüte welk, das Leben alt / Und was sie reden: leerer Schall – Ich bin ein Fremdling überall.“

Orientalische Melodien und Tänze führen in das nächste Bild. Ein Reisekoffer ist in der Tür stecken geblieben, hinter der ein Darsteller die Szenerie betrachtet, hoffnungsvoll: „Alles kann geschehen, alles ist wahrscheinlich“. Das Bewusstsein stünde über allem, besonders das des Träumers.

„Dann wacht dein Herz auf“

Dass es bei der Suche nach dem Glück nicht um profane Dinge geht, wird schnell klar. Ein Stuhl, eine Zimmerpflanze, eine Gießkanne schweben unerreichbar unter der Decke. Und die Darsteller erklären auch in einzelnen Monologen, in welchen Momenten sie größtes Glück verspürt hätten: „Mein Glücksmoment war der, als ich einen Anruf von der Schule bekam, dass ich dort einen Platz erhielte“, erklärt einer. Ein anderer tanzt mit einem roten Kleid, stellvertretend für die Angebetete. Und sagt dazu: „Wenn du ihr deine Liebe gestehst und sie dann ansiehst… dann wacht dein Herz auf“.

Foto: Cornelia Lembke.

Foto: Cornelia Lembke.

Die Akteure tanzen sich von einer Szene zur nächsten, mal mit einem vertrauensvollen, gegenseitigen Auffangen, ein anderes Mal in einer synchron einstudierten Capoiera-Übung. „Verwaltungsakt!“ schreit einer von ihnen und die Fröhlichkeit wird jäh unterbrochen, da sich sämtliche Agierenden in Reih und Glied aufstellen müssen. Die Frage in die Reihe, wer von ihnen bereits 18 Jahre alt sei, will keiner beantworten und es werden Leibesübungen angeordnet. Doch die Leute sind nicht in Einklang zu bringen und der „Verwaltungsdruck“ lässt die kulturelle Vielfalt chaotisch ausarten.

„Die Menschen sind dumm. Das Glück ist doch keine angeräucherte Dauerwurst, von der man sich immer ein Scheibchen abschneiden kann“, weiß einer aus Erich Kästners „Märchen vom Glück“ zu erzählen. Ein alter Mann habe ihm einst drei freie Wünsche versprochen. Doch er wünschte den alten Mann zum Teufel, womit der erste Wunsch verwirkt war. Der zweite ging für seine Rückkehr drauf. Den dritten, letzten Wunsch sparte er sich auf. „Den letzten Wunsch hab‘ ich vierzig Jahre lang nicht angerührt. Wünsche sind nur gut, solange man sie noch vor sich hat.“

Endlich frei von der Last

Es sollte nicht das letzte, zitierte Märchen geblieben sein. „Hans im Glück“ tauscht sein schwer erarbeitetes Gold gegen ein Pferd ein (danke für das -Monty Python-Zitat mit den Kokosnuss-Hälften), dieses wiederum gegen eine Kuh. Und so weiter, über ein Schwein, eine Gans, zu einem Schleifstein bis zu einem Schluck Wasser. Manch einer würde sagen: Zum Schlechteren getauscht. Nicht so Hans: „Endlich bin ich frei von der Last. Ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne und kann mit leichtem Herzen zurück zu meiner Mama“.

Am Ende des Stücks wird Mascha Kalékos Gedicht „Rezept rezitiert:

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

[…]

Glücksgriff_(c)Cornelia Lembke (4)

Foto: Cornelia Lembke.

Das Glück ist vergänglich. Aber das Leid ist es auch. Mit dieser – beinahe buddhistischen – Einsicht lassen sich die alltäglich Widrigkeiten etwas gelassener ertragen.

Den Darstellern, die mittlerweile bei vielen AlarmTheater-Stücken der letzten Jahre dabei waren, ist anzusehen, dass der „Glücksgriff“ für sie nicht nur ein bloßer Produktionstitel ist. Nein, sie empfinden es ganz deutlich als Glück, dort zu proben und dem Publikum anschließend zu zeigen, was sie können und was sie bewegt.

Siehe auch:
„Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden“
Erinnerungen wie ein Dorn im Kopf
Je oller, desto doller

(Fotos: Cornelia Lembke)




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