Gegen die älteren Geschwister

Gegen die älteren Geschwister

„Schreib mal einen Vietnamsong mit möglichst vielen ‚th‘ drin!“ sagt der Bamberger Autor Frank Apunkt Schneider und betätigt den Play-Knopf des CD-Players. Was die Besucher des „Nummer zu Platz“ dann zu hören bekommen, kann als eine der grausamen Preziosen der Ära „Neue Deutsche Welle“ bezeichnet werden: „Se USA is se devil of se wörld“ beleidigt ein gebrüllter Refrain die anglophilen Ohren.

Der Name der Band wurde von der Zuhörerschaft zum Glück gleich wieder kollektiv vergessen, war aber nur ein Beispiel von vielen, die Schneider für seinen Vortrag über die New Wave/NDW/Punk-Zeit zwischen 1978 und 1985 mitgebracht hatte. Zwischen den Bezeichnungen ‚New Wave‘ beziehungsweise ‚NDW‘ wollte er sich übrigens nicht so festlegen. Es wären alles frankapunktschneider„Richtungen ein- und derselben kulturhistorischen Erneuerung gewesen“, und gemein sei ihnen, dass sie „im Verhältnis zu ihrem Umfeld seltsam“ gewesen seien.

Vorher sei alles lang gewesen: Die Gitarrensoli, die Haare etc. Um 1975 hätte sich dann etwas geändert: Plötzlich wäre der Begriff der Kreativität prozesshaft geworden und nicht mehr am Ergebnis wie einem Song orientiert. Anders gesagt: Erst einmal machen und gucken, was dabei herumkommt. Oder: Als allererstes ein Fanzine herausgeben.

Der Archivar Schneider hat in seiner Monographie „Als die Welt noch unterging“ etliche Titel dokumentiert. 30 bis 40 Prozent des Buches soll die Liste an Musikveröffentlichungen ausmachen. Und er nimmt dabei mit auf, woran niemand neben den Schallplatten so schnell denkt: Kassetten. Die wahre Akribie seiner Arbeit wird deutlich bei Schneiders Anspruch, ab welcher Anzahl von einer Veröffentlichung gesprochen werden kann: Nämlich ab 2 Stück.

[musikalische Einblendung: Juliane Werding – Fünfzehn ist ein undankbares Alter]

„Jugend ist der popkulturelle Ort, an dem sich die Widersprüche des Kapitalismus am deutlichsten ausdrücken“, so Schneider. Bloß beim Punk/New Wave habe sich das eben anders gezeigt. „Die Beatgeneration richtete sich gegen die Eltern, die Punks gegen die älteren Geschwister – und deren Plattensammlung“. Es wäre darum gegangen, die älteren Geschwister auflaufen zu lassen und dafür, wofür sie standen: Deren allmähliche Etablierung.

Schlimm, wenn dann – also: damals – Majorlabels wie die NDW entdecken. Ein Radiowerbespot bezeugt: „Holen Sie sich die großen Hits der Neuen Deutschen Welle. Von K-Tel.“

[musikalische Einblendung: Slime – Deutschland muss sterben (… damit wir leben können)]

Von Slimes Text ist Schneider überzeugt, er begönne mit dem Hass sehr protestantisch. Aber „Deutschland kann bis auf Weiteres überleben, wenn wir uns hass-ästhetisch an ihm abarbeiten“.

Ob mit Hass oder ohne – die zahlreichen Klangbeispiele sorgten für einen unterhaltsamen Abend. Bis hin zur „schlechtest verkauften Single aller Zeiten“: Christel Schönheit aka „Knusperkeks„.

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