Eine Frau unter Leuten

Eine Frau unter Leuten

Wie eine Dame seit einigen Jahren den Siggi für sich entdeckt

Wenn Ruth-Maria den Platz betritt, geht die Sonne auf. Und das, obwohl sie meistens aus der Richtung kommt, wo die Sonne untergeht – der westlichen Rolandstraße. „Guck mal. Da kommt wieder die kleine, fröhliche alte Dame“, heißt es dann nicht selten vor der Bürgerwache, wenn sie dort von Weitem entdeckt wird.

Alt – das dürfte die Dame, von der die Rede ist, nicht hören. „Ich bin doch nicht alt“, würde sie mit leicht gespielter Empörung erwidern. Um im nächsten Augenblick laut aufzulachen und dem beschämten Gegenüber auf die Schulter zu klopfen. „Ich will dich doch nur veräppeln“.

Denn mit ihren vielen Lebensjahren und den damit verbundenen Klischees schlägt Ruth, den zweiten Namen „Maria“ nutzt sie nur selten, ihren Gesprächspartnern gegenüber immer wieder gern ein Schnippchen. Als sie gegen Ende Oktober mit dem Autor telefonierte, sagte sie ihm noch: „Ach, es wird jetzt bestimmt kälter. Es ist ja schon November…“. Da lenkt der Gesprächspartner erst einmal zustimmend ein, mit der blöden Gewohnheit im Kopf, ältere Mitmenschen nicht nicht verwirren zu wollen. Bis Ruth zu lachen beginnt und entgegnet: „Das stimmt doch gar nicht. Es ist doch erst Oktober. Wie vergesslich bist du denn?“

Der späte Lebenswandel der Ruth muss erstaunlich sein: Obwohl sie schon seit über drei Jahrzehnten dieselbe Wohnung in der Nähe ihr Eigen nennt, hat sie erst vor wenigen Jahren das Leben auf dem Siegfriedplatz für sich entdeckt. Sie wollte sich nach dem Tod ihres Mannes „Elli“ (Elmar) nicht verkriechen oder wie ihre Bekannten die Zeit Torten essend im Café verbringen. Nein, Frischluft und Sonne, das ist ihr Ding. Und vor allem: Leute.

Noch einmal nach ihrem Alter gefragt, lautet ihre Standard-Antwort: „51 plus“. Und wenn jemand mal genauer nachhakt, tut sie zunächst so, als würde sie sich auf das Thema einlassen. Sie beginnt, Lebensstationen und Daten aufzuzählen, und der Zuhörer hofft: „Gleich kommt’s“. Bis sie dann plötzlich innehält, lächelt und mit einem „Du Schelm, beinahe hätteste mich gehabt“ endet. Ruth ist nicht ohne, sie lässt sich nicht so leicht überrumpeln. In wenigen Sommern hat sich Ruth eine große Freundes- und Fangemeinde angelacht. Angelacht – das lässt sich durchaus so sagen, denn sie hat für alle und jeden ein gewinnendes Lächeln übrig.

Thema Angst. Auch Ruth ist nicht frei davon. Zum Beispiel hat sie Angst davor, im Dunklen nach Hause zu gehen. Aber eine Furcht vor fremden Leuten, wie sie manch Andere ihrer Generation vor die Fernseher oder – unter sich bleibend – in die Cafés treibt, kann man ihr nicht nachsagen. Dazu gehört auch die mitunter beläufige Kontaktaufnahme, mittels der sie die an den Tischen Sitzenden auffordert, ihr auf die Stufen vor der Bürgerwache zu helfen. Ein ausgestreckter Arm, ein Lächeln… und es dauert nur Sekundenbruchteile, bis sich jemand aus seinem bisherigen Gespräch ab- und ihr zuwendet und ihr mit den Worten: „Entschuldigen Sie, das hab ich nicht gesehen“, hilft. Er erntet ein freundliches „Danke“ und die Möglichkeit zum weiteren Gespräch. Ob Ruth die Hilfe über die Stufen tatsächlich nötig hätte, weiß nur sie selbst.

Telefonketten für Ruth

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Ein erster Preis bei der Tanzschule Gursch in den 1970er Jahren: Ruth mit Tanzpartner und Ehemann Elli.

Das Siggi-Volk lässt das nicht kalt. Hat Ruth einmal ihren Schlüssel verbummelt und sich ausgeschlossen, wird ruckzuck eine Telefonkette einberufen, bis sich mindestens zwei oder drei handwerklich versierte Menschen finden, die sie begleiten und wieder dafür sorgen, dass sie ihre Wohnung betreten kann. Oder nehmen wir den Fall von vor zwei Jahren, als das Dach ihres Schuppens in der Kleingartenkolonie „Am Steinbrink“ regendurchlässig wurde. Nach wenigen Stunden Fragerei auf dem Platz fand sich ein um ein paar Ecken befreundeter Dachdecker, der für die Reparatur gesorgt hätte. Dass daraus nichts wurde, lag am Ende nur daran, dass Ruth den Garten ganz abgeben musste: Der Weg von der Rolandstraße zum Steinbrink ist auch mit dem Bus zu weit, wenn man nicht mehr ganz so gut zu Fuß ist. Aber die Suche nach einem Nachfolger, der das Grundstück in Ehren hält, war natürlich – wie man sich denken kann – schnell erfolgreich.

Aus ihren häufigen Erzählungen lässt sich erahnen, dass Ruth-Maria in ihrem langen Leben schon viel mitgemacht hat. Wenn sie von ihrem Vater erzählt, von dessem Tod während des letzten Weltkriegs sie als junges Mädchen erfahren hat, wird sie auch heute noch ganz traurig. Aber bevor man sie tröstend in den Arm nehmen möchte, erzählt sie schon weiter. Und dann geht es ganz schnell. Wie sie in Brackwede eine Lehre bei einem Zahnarzt begann. Und dort bei einer Cousine während des Schützenfestes zu Besuch war. Dort hat sie dann ihren Elmar beim Schwoof kennen gelernt. Ab da war es um sie geschehen.

„Elli hatte nie Lust zum Tanzen.“, beschwert sie sich ein wenig. Ruth um so mehr. Und ihr zuliebe standardtanzten sie sich durch die D-, C-, B-, über die A- bis hin zur S-Klasse, der damals höchsten Liga des Paartanzes. Fernsehauftritte inklusive.

Die Leidenschaft dafür erkennt der Besucher, wenn Ruth bei sich zuhause das Radio anwirft. Insbesondere bei Jazz- und Soulklängen erhellt sich ihr Gesicht und zum lauten Ausruf „Musiiik!“ wackelt die Dame dann auf eine Art und Weise rhythmisch von einem Zimmer zum nächsten, wie man es ihr nie zugetraut hätte.

Für einen Besuch bei ihr muss viel Zeit eingeplant werden. Eine Führung durch die Räume, deren Wände über und über mit alten Fotografien und anderen Devotionalien bedeckt sind, zieht sich hin. Alles will kommentiert werden. Aus der Nummer kommt man nicht so schnell wieder raus (wenn man denn will). Wer sich aber Zeit nimmt und auf den Rundgang einlässt, erlebt so manche Überraschung. Fotos vom Tanzparkett aus den 1970er Jahren belegen, dass die heute kleine Dame einmal eine großgewachsene, bildschöne Frau war. Lachend nimmt sie auf einem davon zusammen mit ihrem Mann einen ersten Preis in der Tanzschule Gursch entgegen.

Stadt, Leute, Kultur – das ist es, was sie braucht

Allerdings fällt es dem Beobachter und Zuhörer dann doch schwer, sich die Namen der vielen Tiere mehrerer Familiengenerationen zu merken. Katzen, Pferde, Hunde, Kaninchen, Vögel. Man möchte meinen, Ruth habe sich während ihres Lebens vorgenommen, einmal den gesamten Kosmos-Tierführer durchzuarbeiten. Da nimmt es nicht Wunder, wenn sie sich bei der Begrüßung auf dem Siggi erst einmal nach der Tierwelt erkundigt. „Wo ist Charlie?“ fragt sie gleich zu Beginn nach einem der bekannteren, oft auf dem Platz anwesenden Hunde. Aufgrund ihrer Tierliebe kommt man schnell auf den Gedanken, Ruth könne vielleicht außerhalb der Stadt glücklicher sein. Weit gefehlt: „Elli wollte immer aufs Land ziehen“, sagt sie. „Aber da wäre ich eingegangen“. Sie bräuchte die Stadt, die Leute, die Kultur. So sind sie dann doch hier geblieben. Und die Gelegenheit, Landluft zu schnuppern, hat sie oft genug. Einer ihrer Söhne – „Peterle“ – holt sie immerhin ein paar Mal ihm Jahr ab, zu sich und seiner Familie auf das Alte Land vor der Hamburger Elbe.

Diese Ausflüge fern von Bielefeld genügen ihr. Am Ende fühlt Ruth sich doch hier, am Siggi, viel wohler. „Was haben wir es hier doch schön“, sagt sie mit Blick auf den sonnigen Platz und nippt an ihrem kleinen, extra für sie in der Kaffeewirtschaft gezapften 0,2-Liter-Glas Bier. Das hat sie erst hier bei den Leuten zu schätzen gelernt, damit könne sie besser einschlafen.

Dem Betrachter genügt auch nur der Anblick dieser (ja, wie soll man sagen?) „Seligkeit“ in Ruths Augen und er weiß: Diese Frau war nicht nur damals auf dem Tanzparkett bildschön, sie ist es auch jetzt noch, mit ihren 51 plus Jahren.

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Mit „51 plus“ vor der Bürgerwache: Ruth.

Ab und an kommt es vor, dass Ruth sich zu einem kurzen Tänzchen hinreißen lässt: wenn auf dem Siggi Livemusik gespielt wird. Viel lieber hätte sie es aber inzwischen, wenn sich ein paar Leute zum Musizieren mit ihr fänden. Sooo gerne würde sie doch singen. Und wenn dann noch Instrumente wie die „schöne Posaune“ mit im Spiel wären, dann hätte man Ruth auf seiner Seite. Jazz und Soul darf es gerne sein. Zum Zeitpunkt der Niederschrift hat sie aber in Erinnerung an einen früheren Urlaub einen alten Schlagerklassiker als Ohrwurm: „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“.

Erschienen in der „Viertel“ Nr. 26, Dezember 2014




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