Die Geschichte der Bielefelder Fußlümmelei

Die Geschichte der Bielefelder Fußlümmelei

Eine Reihe von Vorträgen habe sich der Historiker Dr. Hans-Jörg Kühne anlässlich des 800-jährigen Jubiläums von Bielefeld vorgenommen, immer zu wichtigen Aspekten der Stadtgeschichte (wie schon zum Thema „Bielefeld im Zeichen des Hakenkreuzes„). Und zur Geschichte des DSC Arminia: „Ich übernehme heute dieses wichtige Geschäft“.

Allerdings holte er zunächst etwas aus. „Es ist so eine Krankheit von Historikern, möglichst weit zurückzukehren. Und in diesem Fall den Urfußball in irgendeiner Steinzeithöhle zu finden“. So weit musste Kühne dann aber doch nicht gehen, sondern erzählte von den Städtewettkämpfen im Mutterland des Fußballsports: England. Dort hätten sich in der frühen Neuzeit ganze Einwohnerschaften oft blutige Wettkämpfe darum geliefert, einen Ball ins jeweils gegnerische Stadttor zu befördern.

Den Fußball, den wir heute kennen, habe aber seinen Ursprung im gehobenen, universitären Bereich. „Jeder hat das Bedürfnis, auf der Straße gegen eine Blechdose zu treten“ (Kühne), aber Regularien wie Spielfeld- und Mannschaftsgröße seinen wahrscheinlich erstmals in Cambridge aufgetaucht. Bilder aus dem Jahr 1850 vom Footballclub Sheffield oder – interessanterweise – vom Schweizer 1. FC St.Gallen von 1881 („Die Zöglinge Englands bringen das Spiel mit in die Internate im Ausland“) konnten das belegen.

Ein Feld sollte nicht mit Sträuchern bewachsen sein

In Deutschland – wo Turnvater Jahn seine Spuren hinterlassen hatte – fand dieser neue Sport bei einigen Leuten keinen _MG_2628guten Anklang. „Fusslümmelei“ nannte es zum Beispiel der Stuttgarter Professor Karl Planck. Das half aber wenig gegen die neue Begeisterung. Erste Regeln wurden auch hierzulande aufgestellt, unter anderem die von 1874 des Lehres Konrad Koch aus Braunschweig. Und dort mussten selbst grundlegende Erfordernisse festgehalten werden: „Das Feld sollte möglichst plan und nicht mit Sträuchern bewachsen sein“.

Die Arminia hatte seine Geburtsstunde am 3. Mai 1905. In der Gaststätte Modersohn (im Keller des alten Rathauses) gründeten 14 Herren, die inzwischen Symphatien für den Sport gefunden hatten, den Verein. Darunter der erste Präsident Emil Schröder. Es folgten erste Spiele gegen Osnabrücker Mannschaften auf dem Kesselbrink (damals Kaiser Wilhelm-Platz).

1910 ging der Spielbetrieb an die Pottenau. Es wurde zwar Eintritt verlangt, doch die Lage war unglücklich gewählt. „Die Leute haben umsonst vom Bahndamm aus zu gesehen. Das brachte Arminia in finanzielle Schwierigkeiten.“ 1927 kam der Umzug an die Melanchthonstraße, auf das Feld von Bauer Lohmann. Und ein heute nicht mehr zuzuordnender Ausspruch eines Gastes brachte dann auch den heute immer noch geläufigen Namen mit: „Das sieht ja hier aus wie auf ’ner Alm“.Aber warum wurde Fußball irgendwann zum Arbeiter-Sport? Denn zu diesem Zeitpunkt waren noch immer Studenten (teilweise in Verbindungen, daher die Namen Arminia, Germania, Teutonia, etc.) und Bürgern vorherrschend. Der Arbeiter-Fußball hätte nach Kühne in den 1920er Jahren begonnen. Nach dem Hunger, resultiernd aus den Folgen des ersten Weltkriegs, hätte man erkannt: „Fußball ist nicht so bürgerlich, wenn man’s denn proletarisch anfängt“. Und aus dieser Zeit (1925) stamme dann auch Ludwig Wiegands Lied „Mein schwarz-weiß-blaues Band“ (nachzulesen hier auf blog05 , dessen Inhalte sich auch heute noch in vielen Schlachtrufen wieder finden.

Das unschönste Kapitel der Vereinsgeschichte: Die Nazi-Zeit

Zwischen 1933 und 1945 habe es eine ganze Reihe von Leuten der NSDAP gegeben, die Vereinsmitglied waren oder umgekehrt. „Und natürlich wird unter dem Hakenkreuz auch Fußball gespielt“, in den neuen Gau-Ligen. Nicht so schön sei gewesen, dass Arminia die Gleichschaltung aktiv unterstützt habe. Und Karl Demberg, Vorsitzender im Jahr 1934, habe beim DSC das Führerprinzip durchgesetzt. Er nannte sich ab da „Vereinsführer“ und schloss laut Kühne sämtliche jüdischen Vereinsmitglieder aus. Sportlich ging es zwar bergauf (Aufstieg in die Gau-Liga 1938), aber Demberg schloss unter anderem Julius Hesse, Ex-Präsident und Vereinsretter des ersten Jahrzehnts, aus. Hesse wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet. Und auch der Pferdehändler Fritz Grünewald, einst Vorstandsmitglied und Inhaber der „goldenen Ehrennadel“, wurde ausgeschlossen, nach Riga deportiert und er starb im Warschauer Ghetto.

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1938: Arminias Mannschaft vor der Oetkerhalle (Foto: Privat).

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Fußball auf der Alm unter dem Hakenkreuz.

Nach dem Krieg hätte Arminia von der britischen Besatzern schnell die Erlaubnis – das „permit“ – bekommen, das Fußballspiel wieder auf zu nehmen. Und Kühne bekundete seinen Respekt vor denen, die dann auf dem Platz loslegten: „Haben Sie schonmal Fußball gespielt, wenn sie tierisch Hunger haben?“ Er erinnerte mit Fotomaterial an einige Legenden. So zum Beispiel an Werner „Kitti“ Hellweg, der im Krieg einen Arm verloren hatte und dennoch weiter auf höchstem Niveau als Verteidiger Fußball spielte.

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Kitti Hellweg im Einsatz (Foto: Privat).

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Fußball im Schnee (Foto: Privat).

Über sportliches Auf und Ab kam der Vortragende dann auf etwas zu sprechen, wovon heute nur noch die Wenigsten wussten. „1970 ist etwas grundsätzlich falsch gelaufen. Im Hinblick auf die kommende Fußball-WM in Deutschland 1974 wird das ostwestfälische Sportstadion geplant. Die Stadt habe ein Grundstück in der Nähe des Meyerhofs Heepen gekauft und in der Hoffnung auf Ausrichtung einiger WM-Spiele plante man einen Bau mit Kapazitäten von über 50.000 bis 70.000 Zuschauern – man hätte sich überschlagen bei der Konzeption. Und: „Damals wird sogar eine Stadtbahnlinie nach Heepen geplant“.

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Mit Krawatte von der Alm. 1957 am heutigen Kreisel (Foto: Privat).

Aber: „Heepen rückte das Gelände nicht raus und wollte die Nutzung des Landes nicht umschreiben“. Im Kleinkrieg wären die Pläne dann zerrieben worden. Arminia stieg in die 1. Liga auf und die Alm wurde ausgebaut, inklusive Stahlrohrtribüne.

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Ostwestfälisches Sportstadion (Foto: Stadtarchiv Bielefeld).

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Ostwestfälisches Sportstadion (Foto: Stadtarchiv Bielefeld).

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Ostwestfälisches Sportstadion (Foto: Stadtarchiv Bielefeld).

Kurz darauf geschah dann diese eine, unrühmliche Geschichte. Die Geldschmiererei für den Aufstieg, Arminias Beteiligung und der Zwangsabstieg in die Regionalliga. Ein Bild zeigte den Offenbacher Präsidenten Horst-Gregorio Canellas, der bei einem Gartenfest auspackte. Kühne dazu: „So etwas darf natürlich keiner Erzählen. Und er hat das erzählt“. Aber der Verein habe sich ja wieder berappelt, wenn auch mühevoll.

Über die jüngste Entwicklung legte Kühne dann den Mantel des Schwiegens – auch mit Rücksicht auf die vielen, anwesenden Mitglieder des Fanclubs „The Firm“. Denn: „Man muss sich ja nicht selbst weh tun.“

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Offenbacher Präsidenten Horst-Gregorio Canellas packt 1971 auf seinem Gartenfest aus (Foto: Imago).





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