Das Leben meistern

Das Leben meistern

Lesen! Über verschiedenste Entwürfe des Lebens, seien sie melancholisch, chaotisch oder berechnet. Die Lesenacht in der Uni am Donnerstagabend bot zahlreiche, vorgelesene Lektüre darüber, wie das Dasein gemeistert werden kann. Studierende, Lehrende und Gäste des Ästhetischen Zentrums trafen eine Auswahl an Texten, die in jeweils 45 Minuten an unterschiedlichen Orten der Uni-Bibliothek präsentiert wurden. In jedem von ihnen: Ein ganz anderer Lebensentwurf.

Da war zum Beispiel Johannes Dreyer, der sich die Kurzgeschichte „In alter Vertrautheit“ von David Foster Wallace heraus gesucht hatte. Darin beschreibt der – inzwischen durch ‚eigene Hand‘ verstorbene – Erzähler posthum einem ebenso suizidalen Autofahrer, wie er überhaupt zu seinem grenzüberschreitenden Schritt gelangt ist – und dem Fahrer davon abrät, selbiges auszuüben. Die Folge ist ein an Wahnsinn grenzendes Hypotaxen-Gewirr über die eigene, perfekte Anscheinswahrung und kulminiert in dem Entschluss zur Tat an sich selbst.

Stefan Mießeler hatte sich Woody Allens „Nebenwirkungen“ vorgenommen. Allen ist dem deutschen Publikum eher als Regisseur bekannt, kaum aber als Literat. Diesem Widerspruch wusste Mießeler abzuhelfen, auch wenn der Tod als Sprecher dabei zu Hilfe kommen und Einiges richtig stellen musste. Denn: „Das ist der Haken an der Philosophie – sie klappt nicht, wenn man von der Universität ist“.

Die Nebenwirkungen

Die Uni-Lesenacht hatte aber noch mehr im Programm: Antje Greiling sprach für Charlotte Brontes „Jane Eyre“ und die darin geschilderte Sicht einer Frau, die im viktorianischen Zeitalter ihr Leben selbst meistern muss. Linda Thomßen las aus „Die Liebesblödigkeit“ von Wilhelm Genazino, worin der alternde Erzähler trotz Affären vor Selbstmitleid beinahe vergeht – obwohl seine detaillierten Alltags-Beobachtungen das Gegenteil erwarten lassen.

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Innerhalb dieser Zusammenstellung wirkt es etwas fremd, wenn die Studentin Hanna-Charlotte Blumroth vom Lehn über ihre Erfahrungen mit Magersucht las. „Von Wiegetermin zu Wiegetermin trinke ich mehr Wasser […] Mama sagt, wenn ich nur 100 Gramm abnehme, bringt sie mich wieder in die Klinik.“ Diese Details aus Elternhaus und klinischem Umfeld sind, nun ja, eigentlich perfekt dazu geeignet, den Sprach- und Schreibsinn bis zur Unkenntlichkeit einzuengen. Hanna-Charlotte hat sich dennoch nicht einengen lassen. Die vielen kleinen Einzelheiten bei der akribischen Nahrungsvermeidung (oder: Verzögerung der Nahrungsaufnahme) lassen vielmehr die Luftröhren der Zuhörer einschnüren. Über Diskussionen über die Menge des Essens am Frühstückstisch hatte Blumroth vom Lehm den Toaster auch schon einmal höher eingestellt. „So wird das Brot nicht schwarz, aber es dauert wieder etwas länger.“ Bis die Mutter beinahe den Verstand verliert: „Fang endlich an zu essen, sonst flipp ich gleich aus.“

Auch das gehört zum Leben. Denkt jeder Mithörende und nimmt schweißgebadet die dankbare Pause zur UniBigBand mit. Die eigenen Unzulänglichkeiten wollten (mussten?) nach derartiger Konfrontation mit Entlößung kurz einmal aufgefrischt werden. Mit Wein, Bier, Kaffee, oder einfach nur der plötzlich unvermittelten Suche nach dem Ding, das „da irgendwo im Spind liegen muss, und ich weiß nicht mehr wo der Schlüssel ist. Aber ohne das komm ich nicht nachhause!!!“.

Nach sechs gleichzeitig stattfindenden Lesungen sollte dann auch mal etwas Ruhe im Rundum-Karton sein. Und so freute sich Florian Kessler, freier Journalist aus Berlin, darüber, „nach Bielefeld verpflanzt worden zu sein“. Er berichtete über seine Recherchen an dem Buch „Mut Bürger: die Kunst des neuen Demonstrierens“. In seinen Augen verändert sich Deutschland – um zwar durch die Proteste seiner Bewohner. Im Jahr 2012 ist er für einen Überblick über die aktuelle Protestlandschaft durch die Republik gereist, um passionierte Demo-Experten, Wissenschaftler oder Bürgerinitiativen zu treffen. Dabei sprach er zum Beispiel Marianne Fritzen, die im stolzen Alter von 88 Jahren in Gorleben seit Jahrzehnten gegen das dortige Atommülllager demonstriert. Ihr Verständnis von der Pflicht als Bürger zum Demonstrieren und Anekdoten aus dem mittlerweile tradierten Leben in der Blockade verhelfen Kessler zu dem Schluss, dort gebe es inzwischen eine Demonstrationskultur. „Dort gibt es nicht nur eine schöne Landschaft, sondern die Leute arbeiten zusammen am Erreichen ihrer Ziele“.

Eine kleine Gruppe von Umweltaktivisten, die im Regen vor dem Bundesrat protestierte, führt Kessler zu der These: „Heute gehen mehr Menschen auf die Straße, vielleicht nicht in Großdemos, aber in Summe sind es mehr als früher.“ Manchmal seien die Proteste heute sehr klein, weil es um lokale Dinge ginge. Dafür seien sie aber schnell über Internetforen zu organisieren.

Und was den von den Journalisten vielzitierten „Wutbürger“ anginge: Die Protestierenden hörten gerne eine andere Erzählweise. Es ginge nicht um Wut, sondern um stückweise Gesellschaftsutopien. Und dafür auf die Straße zu gehen, koste nunmal Mut.

 

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