Das Leben als Art-Performance

Das Leben als Art-Performance

„Humor und Ekel liegen dicht beieinander“, weiß Ralf Filges. Er vertritt eine im wörtlichen Sinne „einmalige“ Kunstrichtung

Ralf Filges ist ein Durch-und-durch-Künstler. Er lebt Kunst, und das bereits seit über 40 Jahren. Zu kaufen gibt es von ihm nur wenige Objekte, da er für sich die einmalige Aktionskunst entdeckt hat. Der Begriff „Performance“ sei für ihn aber durch die Börse und die Benennung eines Automodells zu „ausgelutscht“, sagt er. Er verwendet lieber den Begriff „Performance Art“. Das sei ganz reduziert, beschränke sich auf den Körpereinsatz mit dem jeweiligen Material und die einmalige Darbietung vor Publikum. „Aufzeichnungen wären nur Konserven, das Live-Erlebnis ist wichtig“, ist er überzeugt.

Er kann sich noch erinnern, dass er als Vierjähriger von seinem Vater gefragt wurde, was er später werden wolle. „Küntler“, hätte er geantwortet. Dabei schlug der Sympath mit den kreisrunden Brillengläsern und der oft umgekehrt getragenen, hellen Baskenmütze zunächst eine andere künstlerische Richtung ein. Es wäre ihm in die Wiege gelegt worden. Papa war Maler und er hätte darüber hinaus weitere kreative Vorfahren gehabt. An der Fachhochschule für Gestaltung und Design experimentierte der heute 62-jährige Filges aber erst mit Fotografien, und zwar „kameralosen“. Im Fixierbad und mit Entwicklerflüssigkeit bearbeitete er Fotopapier. Dass auf diese Weise – auch zum Teil mit dem Handfeger verwischte – figurative Objekte entstanden sind, wirkt erstaunlich.

Aber schon Anfang der 1990er interessierten ihn vielmehr „Interventionen“. Aus zwanzig dicken Aktenordnern in seiner Wohnung in der Wittekindstraße kann er zahlreiche Dokumente darüber hervor zeigen. Und dass, obwohl er schon viele seiner Dokumente an das Stadtarchiv übergeben hat. Beim Gespräch über einer Kanne Ayurveda-Tee kündigt er an: „Pass auf, wir werden gleich viel lachen.“

„Daunenbefreiungsaktion“

Ralf Filges zeigt alte Fotos von ihm selbst, wie er im Jahr 1990 auf dem Berliner Alexanderplatz eine Bettdecke aufschneidet. Der ganze Platz wurde daraufhin von wirbelnden Federn bevölkert. Das wirkt auf den ersten Blick befremdend. Kurz nach der Wende im Berliner Osten mit seiner, von ihm so genannten „Daunenbefreiungsaktion“ zu wirken, da wird dann bald klar, in welche Richtung dieser Akt zu deuten ist. „Die Daunen sind nicht beherrschbar, sie sind autonom,“ erklärt Ralf darüber. Alternativ nennt er diese Intervention auch „Daunen statt Daten“, da sie sich gegen die Sterilität der städtischen Umwelten richten soll. Manche hätten damals gemeint, das sei Verschmutzung. Das sieht Ralf aber anders: „Federn sind Umweltbelebung und keine Umweltverschmutzung.“

Seinerzeit schrieb der ehemalige Kulturressortleiter der Neuen Westfälischen, Manfred Strecker, darüber: „Seine Kunst richtet sich und hilft gegen diese Ängste vor dem Fremden und Unkontrollierbaren.“ Bei den anwesenden Betrachtern soll eher ein wenig Gelassenheit herausgefordert werden. Das wird auch sprachlich mit Neuwortschöpfungen verdeutlicht. Eine ähnliche Aktion vor dem Bielefelder Rathaus hieß dann auch: „Vom Manifest zum Manilocker“. Auch bei der Eröffnung der Stadthalle hatte Ralf seine Daunen befreit. Was zur Folge hatte, dass sie sich über die halbe Innenstadt verteilten und sich viele Leute wunderten, woher sie denn kamen.

Die Federnaktionen hatten ihm einen Preis einbeschert. Ralf war dadurch einer von 15 Preisträgern des Ideenwettbewerbs „Schlaraffenland – Sabotage virtueller Welten“ der IG Medien.

Dem radikalen Künstler (besonders als jemand, der das Live-Erlebnis so hervorhebt) ist die etablierte, bildende Kunst mit Bildern und Skulpturen naturgemäß skeptisch. Zwar war er mal im Herforder Marta tätig, aber von der Kunsthalle hält er wenig. Und das hängt unmittelbar mit der Geschichte um ihre Namensgebung zusammen.

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Schokohasen-Zerstörung vor der Kunsthalle.

Denn die Bielefelder Kunsthalle wurde damals von Richard-August Oetker gestiftet mit dem Wunsch, sie nach seinem Stiefvater Richard Kaselowsky zu benennen. Nun war Kaselowsky nicht nur ab 1933 Mitglied der NSDAP, sondern auch im „Freundeskreis des Reichsführers der SS Himmler“, demnach ein bekennender Nationalsozialist. Der Name wurde geändert, eine Gedenktafel an Kaselowsky blieb aber bis vor Kurzem. Und auch erst jetzt stimmte die Politik für die Umbenennung der Kaselowskystraße in „Hochstraße“.

Ralf hatte als Gründungsmitglied der Künstlergruppe „Oralapostel“ mehrere Kunstaktionen vor der Halle durchgeführt. So gab es im Jahr 2007 von ihnen zum Beispiel „Omas Schokogeheimnis“. Vier Männer saßen um einen weiß gedeckten Tisch und aßen Schokoladenspeisen, nur um das „braune Essen“ wenig später auszuspeien, zu ergurgeln und die gesamte Auslage inklusive ihrer Kleidung theatralisch zu besudeln. Ein brauner Sumpf entstand.

Wenig später, anlässich der Eröffnung der Ausstellung „Perfektion und Zerstörung“, stellten sie auf dem Boden Schoko-Osterhasen in Hakenkreuzform auf dem Boden neben dem Eingang der Halle auf. Die vier Mitglieder von „Oralapostel“ zermalten die Hasen auf dem Boden kauernd mit dem Mund, bis sie zur Mitte des Kreuzes angelangt waren, von wo ein Lautsprecher martialische Maschinenmusik erschallen ließ.

„Humor und Ekel liegen dicht beieinander“

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Rauchen ohne Rauch: Die Oralapostel blasen den Qualm in eine Tüte auf dem Kopf.

ne oder anderen mag das eklig klingen. Für viele aber durchaus nach einem humorvollen Umgang mit politischen Zuständen. Aber das ist genau das, was Ralf sagt: „Humor und Ekel liegen dicht beieinander“. Bei den Oralaposteln, die bis 2009 existierten, sei es um eine Reaktion auf Etikette und Auffälligkeiten gegangen. Sie würden nun mal eben auf eine andere Art und Weise geswitcht werden. „Es gibt beim Essen nicht nur immer Input, sondern oft auch Output.“ Oral war also Programm.

Und so gab es von ihnen auch einmal eine Aktion in einem leer stehenden Laden in der Bahnhofstraße. Sie beschmierten die Schaufensterscheibe von innen mit Sahne, und leckten diese von innen – mit weißen Ganzkörperanzügen ausgestattet – langsam frei. Zunge für Zunge hätte es einen weiteren, kleinen Einblick in den Innenraum gegeben. Man kämpfte sich mit dem Mund frei. Die Eindrücke müssen außen bei den Passanten für zahlreiche, irritierte Fragen gesorgt haben.

Das erste, bundesdeutsche Handkarrentreffen

Eine andere seiner Gruppen war die „KunstCOOP“. Wer länger in Bielefeld wohnt, mag sich noch an die Tankstelle, die an der Straße Welle mitten in der Altstadt stand, erinnern. Mit der KunstCOOP und anderen Aktionsgruppierungen wurde die verlassene Tankstelle 1993 angemietet und zum „Büro für Kunst“ erklärt. „Dort gab es fast alle 14 Tage Aktionen, und zwar so richtig sperriger Kram“, freut sich Ralf beim Erzählen. So gab es dort zum Beispiel das erste bundesdeutsche Handkarrentreffen. Nur deshalb, um darauf hinzuweisen, dass es noch vom Menschen gezogene Handkarren gibt und dass sie per Gesetz als öffentliches Verkehrsmittel gelten. So blockierten die Künstler für einen Tag den Verkehr auf den Straßen.

In dieser Zeit war es auch, dass Ralf insgesamt sieben Mal Kurator und Veranstalter der Bielefelder Performance-STIPPs war, mit Beteiligung von Künstlern aus Deutschland und anliegenden Ländern. Auf anderen Austtellungen übernahm er auch mal gerne einfach die „Schirmherrschaft“, und zwar mit einem Spezialanzug an dem er mehrere, aufgespannt Schirme befestigte und – so eingehüllt und nicht mehr erkennbar – über das Gelände schritt.

„Grenzen, Begrenzen und Entgrenzen“

An das Aufhören ist bei ihm nicht zu denken. Wenn es um die künstlerische Betätigung geht, ist er rastlos. Erst vor Kurzem hat er eine Aktion zur Flüchtlingssituation im „Weichbild der Ravensberger Straße“ durchgeführt, wie er sagt. Mit rot-weißem Absperrband hatte er sich an einen gigantischen „Erd-Spreizer“ angedockt und versuchte sich vor Passanten zu befreien. Dabei wäre es um’s „Grenzen, Begrenzen und Entgrenzen“ gegangen. Und darum, dass man ohnmächtig dem Nichteinigsein der Herrschenden ausgeliefert sei. Titel der Aktion: „Kein schöner Land in dieser Zeit“.

Für das nächste Jahr plant er eine Aktion im Polnischen Nationalmuseum in Stettin, und außerdem hat er auch die Zusage für die Dünenkunst-Biennale im niederländischen Schoorl. Für Letztere plant er den Bau einer 11 x 13 Meter großen Ameise aus Kiefernzapfen, da die dortige Region oft von Waldbränden geplagt sei und mit Hilfe von zirka 40.000 Zapfen einen Beitrag zur Revitalisierung leisten will.

(erschienen in der „Viertel“ Nr. 32. Titelfoto: Mario Brand)

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