Cumshot in den Beichtstuhl

Cumshot in den Beichtstuhl

Von der naiven „Cutie“-MSPaint-Zeichnung auf dem Desktop ließ Wenzel Storch sich bei seinem Vortrag nicht stören. „Ich benutze oft Laptops von Vermietern, weil mein eigener immer kaputt ist“. Storch war ins „Nummer zu Platz“ eingeladen worden, um über die Entstehung seiner drei Filme zu sprechen. Und Geldmangel und Improvisation gehörten dabei schon zum guten Ton.

Die Umweltbedingungen waren maßgeblich für den Filmemacher. In Fahrenheit, einem Arbeiterviertel Hildesheims, aufgewachsen, lebte er später dort als Student in einer Wohngemeinschaft weiter. „Die gängigen Berufe fanden wir nicht so gut. Ich studierte Sozialwissenschaften, ungefähr 30 Semester. Keine Ahnung warum, vielleicht wegen der billigeren Krankenkasse.“

Es war nicht weit bis zum Kiosk, der als Trinkhalle diente, und oft kam es zu Trinkgelagen und Eskalationen – auch mal direkt unter den Fenstern der WG. „Da gab es so manche wertvolle Gespräche, die wir mitbekamen“, erzählte Storch und verzog dabei keine Miene. Zahlreiche Schnappschüsse aus der Zeit belegten seine Eindrücke.

Demgegenüber stand der in der Bischofsstadt allgegenwärtige Katholizismus – etwas deplatziert in einer Stadt, deren Bevölkerung hauptsächlich evangelisch sei.

Ein Kreuz aus Mäusespeck und Liebesperlen

Aus dem unmittelbaren Milieu rekrutierte Wenzel seine Hauptdarsteller. So zum Beispiel „Baron von Lulu“, so genannt, weil er als Musiker gerne im Anzug stolzierte, und der in Storchs erstem Film „Der Glanz dieser Tage“ (1989) unter anderem die Kirchenorgel spielen sollte. „Die Orgel bauten wir zusammen aus allem, was so rumlag. Die Tasten waren aus Kohlebriketts“. Das Kirchenschiff wurde auf dem Dachboden des Hauses gebaut, das Kreuz aus Mäusespeck und Liebesperlen. „Der Glanz dieser Tage“ sollte „ein großer, monumentaler Film für die ganze Familie werden“. Die Handlung: Der Transport aller Popel von gelangweilten Meßdienern in die Katakomben von St. Peter in Rom.

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Ein Kreuz aus Mäusespeck und Liebesperlen.

Trickelemente waren in Storchs Filmen gang und gäbe. Und so tuckert in seinem ersten Film ein Spielzeuglastwagen durch die Straßen Roms – dargestellt mit Häusern, die aus Tapetenrollen hergestellt wurden. Manchmal entstand durch die spontane Arbeitsweise auch Material, das im Nachhinein gar nicht gebraucht wurde. Storch: „Wir haben unsere Ideen einfach umgesetzt und dramaturgisch keine Ahnung. Wir dachten uns: ‚Der Cutter wird das schon machen'“.

Ausflüge in den Sakropop – Popmusik mit religiösem Inhalt – und zu Beispielen aus alten Ministrantenzeitungen (Anzeige: „Es gibt kein Problem, das man mit dem Rosenkranz nicht lösen kann“) verdeutlichten Storchs Haltung zur Kirche. Zu einem Titel der Erotikzeitschrift „Das Schlüsselloch“: „Das hätte ich gerne gelesen“. Dann das Bild der Kirchenpublikation „Guckloch“: „Aber das gab’s“.

An Anekdoten arm waren ebenfalls nicht die Ausführungen über den 1993er Film „Sommer der Liebe“. Erheitertes Publikum über Ausstattungen wie dem „Wim-Thoelke-Kumpelofen“. Staunen über die Entwendung einer Filmspule aus einem Göttinger Kino – weil Storch in einer Szene zwei (übrigens angekleidete) Frauen sich gegenseitig an die Brüste fassen ließ.

Abgeschafft: Das "Bumstier" bei "Petzi". Es wollte sich einfach nur prügeln.

Abgeschafft: Das „Bumstier“ bei „Petzi“. Es wollte sich einfach nur prügeln.

Nach Ausführungen über die Beschaffungsmaßnahmen – man ging abends mit Teppichmessern über die Schrottplätze, um Stoffe aus zum Beispiel alten Hollywoodschaukeln zu ziehen – , weiterer Musik und Gedichten, zeigte Storch noch eine Diaschau seiner beiden verstorbenen Katzen – natürlich untermalt von sakralem Liedgut.

Bonustrack: „Der Cumshot in den Beichtstuhl“

Die Zugabe – Szenen von den zehnjährigen Dreharbeiten zu „Die Reise ins Glück“ (2004) – verdeutlichten vor allem Eines: Den Aufwand, der für das Ergebnis betrieben wurde. Und der nötigt Respekt ab, insbesondere die damals für die Puppen und Kostüme zuständige Majken Rehder musste gelitten haben, ebenso wie die Bastler, die in einer Hildesheimer Halle mit Pappmaché für die Szenerien sorgten. Auch wenn einzelne Szenen oder die Kameraführung für die Eine oder den Anderen Geschmackssache sein mögen (titelgebend: Der Phallus, der in den Beichtstuhl ejakuliert), so muss gewürdigt werden, dass Storch mit seinen geringen Mitteln tatsächlich etwas opulentes geschaffen hat. Massenkompatibel sind die Filme allerdings mit Sicherheit nicht.

Übrigens: Auf Nachfrage sagte Wenzel Storch, dass er mit dem Filmemachen seit „Die Reise ins Glück“ endgültig durch sei. Die Zeit könne er einfach nicht mehr aufbringen. Stattdessen schreibe er derzeit nur noch als freier Autor, u.a. für „konkret“. Er wohnt noch immer in Hildesheim.

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