Bootschaften

Bootschaften

Seit einigen Tagen sind in Bielefeld Papierschiffchen zu entdecken. Auch auf dem Siggi lagen mehrere davon. Auf der Seitenwand ist jeweils zu lesen: „Lies mich“. Und wer die Schiffchen aufklappt, bekommt die folgenden Sätze präsentiert:

„Ich habe eine Geschichte

Seit ein paar Monaten befinde ich mich unter Ihnen allen. Ich gehe in dieselben Supermärkte, höre dieselbe Musik, benutze dieselben Fahrradwege, sonne mich in denselben Parkanlagen. Sie kennen mich nicht. Einige von Ihnen denken trotzdem, ich sei fremd. Einige von Ihnen haben meinetwegen Angst. Sie fürchten sich, meinetwegen, unseretwegen. Ich will Ihnen sagen, dass es dieses „uns“ nicht gibt. Verwechseln Sie mich nicht mit einer Kategorie! Ich versuche, wie Sie, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. Ich bin es nicht, noch nicht, vielleicht werde ich es aber auch nicht. Ich entscheide nicht darüber. Ich bitte um Asyl. Noch wurde nicht über mich entschieden.

Ich liebe eine Frau. Ich habe Glück, denn sie liebt mich auch. Wir wollen heiraten. Wir kommen aus einem Land, dessen Traditionen schwerer wiegen als das Recht. Die Tradition besagt, dass nicht wir, sondern unsere Familien darüber entscheiden, ob wir heiraten. Alles bricht zusammen. Sie entscheiden gegen uns und versprechen sie jemandem anderen. Sie flieht. Ich weiß nicht wohin, soll aber daran schuld sein. Man bedroht mein Leben. Ich fliehe auch und habe seither Angst. Um sie. Um mich. Man macht mir Angst. Sie wird verfolgt. Ich werde verfolgt. Es reicht nicht, innerhalb unseres Landes den Ort zu wechseln. Ich muss ganz gehen, mein Leben fallen lassen, alle Kontakte aufgeben. Ich bin dafür nicht bereit und taumele zu Ihnen. Ich bin hier.

Ich bin hier und bitte Sie, Bürger_innen eines Rechtsstaats, Bürger_innen einer Demokratie, Bürger_innen, deren Würde man gesetzlich achtet: Lesen Sie meine Geschichte und lernen Sie mich kennen! Folgen Sie mir:

http://bootschaften.wordpress.com

 Eine kleine Gruppe von Privatpersonen unterstützt den Flüchtling und verbreitet die Papierschiffchen. Die Gruppe hat das Gefühl, dass es innerhalb der gesellschaftlichen Diskussion um den Themenbereich Asyl und Flucht viel zu wenig um die individuellen Geschichten derjenigen Menschen geht, die hier ankommen und um Hilfe bitten. Einer von ihnen, Tobias Reher, schreibt bielefelds-westliche.de zu der Aktion: „Wir hoffen, dass die Ängste und die Ablehnung gegenüber den geflüchteten*fliehenden Personen so verschwinden. Wir hoffen, dass die Geschichten in unserem Alltag eine Rolle spielen, dass sie uns weniger fremd werden und dass wir zuerst! über sie nachdenken, wenn wir über den Themenbereich Asyl und Flucht diskutieren. Deshalb haben wir die Boote auch an öffentlichen Plätzen ausgelegt. Man soll im Alltag über die Geschichten stolpern und sie fortan mit sich herumtragen. Wir, als Bürger_innen, können keine Integration fordern und gleichzeitig politische Entscheidungen akzeptieren, durch die alles vermeintlich Fremde auf Distanz und in Isolation gehalten wird. Die Person, dessen Geschichte wir aufschreiben durften, hat uns bei diesem Anliegen geholfen!“

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