Bielefeld im Zeichen des Hakenkreuzes

Bielefeld im Zeichen des Hakenkreuzes

Die Bielefelder interessieren sich für ihre Stadt und was vor Ort in den Jahren 1933 bis 1945 geschehen ist.  Das hatte bereits der immense Zulauf bei der Podiumsdiskussion zum Buch „Dr. Oetker und der Nationalsozialismus“ im Januar gezeigt. Und am Donnerstag erneut, als der Saal der Bürgerwache überlaufen war. Dr. Hans-Jörg Kühne referierte über das Thema „Bielefeld im Zeichen des Hakenkreuzes“ – mit reichlich Bildmaterial aus unterschiedlichen Archiven belegt. Es sei ein „etwas unerfreuliches Thema“. Aber im Rahmen einer 800-Jahrfeier der Stadt müsse auch das behandelt werden.

Stadtarchiv Bielefeld

Die Rudolf-Oetker-Halle und der Bürgerpark am 20. April 1944 (Quelle: Stadtarchiv Bielefeld).

Die Frage „War Bielefeld besonders, als der Nationalsozialismus Einzug hielt?“ konnte Kühne gleich bejahen, da hier die Ergebnisse der letzten Reichstagswahl etwas anders aussahen: 37,3 Prozent für die NSDAP, 34,4 Prozent für die SPD und 10,3 Prozent für die KPD (demgegenüber insgesamt: NSDAP 43,9 %, SPD 18,3 %, KPD 12,3 %,…). „Bielefeld war und ist immer eine Malocherstadt gewesen“, interpretierte Kühne das hiesige Ergebnis.

Dennoch wurden die Nationalisten auch im Stadtrat stärkste Kraft. Bilder von der ersten Ratssitzung zeigten: Die braunen Uniformen überwiegten plötzlich gegenüber den Mitgliedern in Zivil. Und ein Trupp SA-Leute im Hintergrund des Plenums verdeutlichte laut Kühne: „Jetzt regiert hier das Faustrecht“*. Ausschnitte der damaligen „Westfälischen Zeitung“ belegten, dass diese bereits gut auf das neue Regime eingestimmt seien. Die „Volkswacht“ hätte das hingegen ganz anders gesehen und titelte noch „Herrenklubkanzler Hitler“.

Fackelzüge und Illuminationen

„Die Bevölkerung musste [aus Sicht der NSDAP] auf Linie gebracht werden“, so Kühne. Dabei bedienten sich die Nationalsozialisten opulenter Aufmärsche mit allerlei geschwenkten Fahnen und Fackelzügen. Am 20. April 1933 – dem Geburtstag Adolf Hitlers – wurde die Rudolf-Oetker-Halle aufwendig illuminiert (siehe Bild) und der Bürgerpark mit einem Fackelzug in „Adolf-Hitler-Park“ umbenannt.

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Illuminiation und Feuerwerk an der Sparrenburg am 1. Mai 1933 (Quelle: Stadtarchiv Bielefeld).

Wenig später – als die Nazis es geschafft hatten, den 1. Mai zum Feiertag zu erklären – wurde das Hakenkreuz, das kurz zuvor auf der Oetker-Halle zu sehen war, auf der Sparrenburg angebracht. „Sieg Heil der Deutschen Arbeit“ war in Leuchtschrift auf dem Turm zu lesen, umrahmt von Feuerwerk. „Alles hatte zur Kundgebung in die Heeper Fichten zu marschieren“, erläuterte Kühne.

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1. Mai 1933, Tag der Nationalen Arbeit: Aufmarsch und Kundgebung in den Heeper Fichten (Quelle: Stadtarchiv Bielefeld)

Tags darauf titelten die Westfälischen Neuesten Nachrichten: „60.000 Bielefelder marschieren“. Angesichts der Tatsache, dass zu dieser Zeit etwa 129.000 Menschen in Bielefeld lebten, sei diese Zahl beeindruckend. Kühne: „Aber es hätte bestimmt niemand bei den Nazis etwas dagegen gehabt, wenn dort eine Null zusätzlich angefügt wurde“.

„Wenn einer so etwas konnte, dann die“

ZeitzeugInnen über diese Inszenierungen befragt, hätten geantwortet: „Wenn einer so etwas konnte, dann die“. Und Kühne: „Klar, kurz nach dem Wahlsieg mussten die Nazis jetzt natürlich etwas liefern“.

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Juni 1939, „Westfalenfahrt der Alten Garde“, Hauptbahnhof Bielefeld. Man erwartet das Eintreffen der „Altgardisten“ (Quelle: Stadtarchiv Bielefeld).

Bereits im Jahr 1930 starb der in Bielefeld geborene Horst Wessel in Berlin an den Folgen einer Schussverletzung. Da der Schuss von einem KPD-Mitglied stammte, wurde dies von Nazis genutzt, Wessel zum Märtyrer zu stiliseren. „Er hat ein Jahr als Säugling in Bielefeld gelebt“ (Kühne). Und doch wurde bald vielerorten an den Texter des heute verbotenen Horst-Wessel-Lieds erinnert. Das Geburtshaus in der August-Bebel-Straße bekam eine Plakette, die Straße selbst wurde in Horst-Wessel-Straße umbenannt. In der Nähe des „Eisernen Antons“ stifteten Bielefelder Unternehmer einen nach Wessel benannten Stein und 1939 wurde – dieses Mal von der Stadt bezahlt – eine Bronzestatue am Oberntorwall eingeweiht. Auch am Hauptbahnhof wurde die „Alte Garde“ (in diesem Fall: Teilnehmer des Hitlerputsches 1923) entsprechend geschmückt begrüßt (siehe Bild rechts).

Hans-Jörg Kühne beeindruckte darüber hinaus mit Plänen, die nie in die Tat umgesetzte Bauvorhaben der Nazis in Bielefeld verdeutlichten. Plätze für Aufmärsche, um ein Vielfaches größer als der heutige Bahnhofsvorplatz, waren an Ort und Stelle angedacht. Sowohl dort als auch rund um den Kesselbrink waren große, repräsentative Bauten vorgesehen.

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Ein geheimer Plan über den Umbau der Stadt: Die violetten Markierungen bezeichnen große, neu geplante Bauten (Quelle: Stadtarchiv Bielefeld).

Antisemitische Hetze

Repression und Verfolgung war während der Nazizeit in Bielefeld zwar nicht an der Tagesordnung, aber auch vorhanden. „Im Landgericht wurden zwischen 40 und 50 Todesurteile ausgesprochen“, wusste Kühne. Hier soll aber nicht hingerichtet worden sein, sondern in Dortmund. Die rund 900 in Bielefeld lebenden Juden waren schon im Oktober 1938 Opfer antisemitischer Hetz geworden. Ein Bild vom Schuhgeschäft „Dessauer“ mit durchgestrichenem Schriftzug (-> Dessauer ) belegte das. „Wenn sie im Fernsehen mal Bilder über die Reichspogromnacht sehen, sind das meistens Bilder aus Bielefeld“, war Kühne überzeugt. Der Grund: Der Amateurfilmer Gustav Wittler hatte den Brand gefilmt, außerdem gibt es – für die damalige Zeit äußerst selten – Farbfotos davon.

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Arisierung in Bielefeld. Das vormals jüdische Kaufhaus „Alsberg“ heißt nun „Opitz“ (Quelle: Stadtarchiv Bielefeld).

Kühne zeigte Fotos von der Arisierung der Stadt, zum Beispiel dem geflaggten Opitz-Haus (das ehemalige jüdische Kaufhaus Alsberg) am Jahnplatz. Die Einstellung der Bevölkerung zu diesen Prozessen gab Kühne mit den Worten des Historikers Hans-Ulrich Wehler sinngemäß wieder: „Die Bielefelder haben eher belämmert da gestanden, das alles aber mit Skepsis zur Kenntnis genommen“.

1941 folgten die ersten Deportationen. Der Tanzsaal des Lokals „Kyffhäuser“ am Kesselbrink wurde zur Sammelstelle zweckentfremdet für den Transport nach Riga. Bedrückende Szenen von eingepferchten Menschen am ehemaligen Güterbahnhof („dort, wo man sich jetzt am neuen Boulevard vergnügt“) folgen auf Bildern von Zwangsarbeitern bei den Kammerich-Werken in Brackwede-Süd. „Bielefeld konjugierte einfach alles durch, was der Nationalsozialismus zu bieten hatte“, kommentierte der Historiker. Der Besuch des damaligen Gauleiters Alfred Meyer bei den Zwangsarbeitern wurde am 10. Juli 1942 bei den Westfälischen Neuesten Nachrichten mit einem Arbeiterinnen-Zitat betitelt: „Wir arbeiten alle gern in Deutschland“.

Bomben auf Bielefeld

Ab 1942/1943 hätte kein Mensch in Bielefeld noch einen ruhigen Tag gehabt. Tagsüber hätten die Amerikaner Bombeneinsätze geflogen, nachts die Briten. Oberschüler mussten Flak-Geschütze bedienen, durch Flucht und Kinderlandverschickungen lebten am Ende des Krieges nur noch rund 45.000 Menschen in der Stadt.

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Nach dem schwersten Luftangriff auf Bielefeld (30.9.1944): Zerstörte Altstadt (Quelle: Stadtarchiv Bielefeld).

Am 30. September 1944 begingen die Amerikaner dann einen schweren Fehler. Ursprünglich Bahnhöfe und -strecken zum Ziel gehabt, gingen die Bomben tatsächlich auf die Innenstadt nieder. 649 Tote (darunter 130 Zwangsarbeiter) und viele Verletzte waren die Folge. Tausende wurden obdachlos.

Am 14. März 1945 wurde der Eisenbahnviadukt durch eine „Superbombe“ zerstört. Bis zum Einmarsch der Amerikaner war es da schon nicht mehr weit: Am 4. April betraten ihre Truppen die Stadt.

 

Aufgrund des großen Interesses wird der Vortrag wiederholt: Nächster Termin ist Donnerstag, 10. April, 19 Uhr. Wieder im Saal der Bürgerwache am Siegfriedplatz, Rolandstraße 16.

 

* „Es kann nicht sein, dass die Nazi-Zeit wie ein abgeschlossener, erratischer Block in der Geschichte liegt. Der Nationalsozialismus muss historisiert werden“, sagte Kühne am Donnerstagabend in der Bürgerwache. „Ich habe das Gefühl, dass es eine Zeit ist, die immer nahe liegt“. Diese Ansicht könnte ein Grund dafür sein, dass Kühne in seinen Vorträgen oft das Präsens verwendet. Die Wirkung dieses Vorgehens ist aber enorm. Folgen und Ursachen wirken dadurch tatsächlich näher und vorstellbarer.

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