Annabella

Annabella

120203_1501_img_0543Wenn sie ihr Handy einschaltet, erscheint auf dem Display die Begrüßung „Hallo, Annabella“. Dann lächelt sie selig.

Die Handybesitzerin ist nur 1,49 Meter groß, aber wenn sie über den Siggi geht, scheint sie der Mittelpunkt des Mikrokosmos „Bielefelder Westen“ zu sein. Eine Porträtreihe über Menschen des Viertels kann nicht ohne Annabella auskommen. Sie ist das Original des Quartiers, das Faktotum des Stadtteils. Und es gibt Stimmen, die behaupten, ohne Annabella wäre der Westen nicht. Eine solche Porträtreihe muss sogar mit ihr beginnen.

Etwas Kurioses vorab. Obwohl alle Annabella kennen und wiederum Annabella jeden kennt: Sie heißt eigentlich Angelika. Genauer: Angelika Krieb. „Aber als ich Anfang der 80er Jahre im Altenhagener Frauenhaus gelebt hab, gab es dort noch eine andere Angelika. Ich hab mich immer umgedreht, wenn ‚Angelika‘ gerufen wurde, dabei war ich gar nicht gemeint“, erzählt sie. Und so taufte sie sich um.

Annabella hat bereits wilde Zeiten hinter sich. Da die Mutter oft spät abends von der Arbeit nachhause kam, wurde sie in einem Heim untergebracht. „Da gab’s dann mal auch tagsüber etwas zu Essen. Aber ich bin immer wieder ausgebüchst“. So kam es, dass sie in eine Psychiatrie eingewiesen wurde. Ohne Diagnose, nur um sie an der Flucht zu hindern. Und wieder zurück ins Heim, hin und her. Bis zum Frauenhaus. Bis der behandelnde Arzt sie entband.

Sie bewarb sich beim Verein „Bielefelder Selbsthilfe“ (BIS). Die BIS hatte zum Ziel, Häuser vor der Stadtsanierung und dem Bau des Ostwestfalendamms zu retten. Dort fanden auch ehemalige Heimbewohner eine Möglichkeit zum Arbeiten und Leben. Und Annabella wurde aufgenommen. Seit über 30 Jahren wohnt sie jetzt schon im ehemals besetzten Haus Siechenmarschstraße 40.

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Heute ist sie 61 Jahre alt und denkt im Leben nicht daran, woanders hin zu ziehen. „Im Westen wohnt man am Besten“, sagt sie lachend und fügt hinzu, dass sie gerne reimt. Viele Leute würden ihr raten, ihre selbsterdachten Reime aufzuschreiben und ein Buch daraus zu machen. „Aber das kann ich doch nicht mehr mit meiner Arthrose“, bedauert sie, gibt aber beim Blick aus dem Fenster der Bürgerwache auf den rieselnden Freitagsmorgen-Schnee noch einen zum Besten: „Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus. Die Welt sieht wie gepudert aus“.

Und sie sagt, sie sei „die Finderin vom Dienst“. Klar, wer viel im Viertel spazieren geht, sieht viel. So gab es einmal 300 D-Mark Finderlohn für eine Notebook-Tasche, weil sich darin noch wertvolle Disketten befanden. Und der Besitzer hätte gefragt: „Darf ich Dich einmal drücken?“ Da hat Annabella natürlich nicht ‚Nein‘ gesagt.

Doch wer alles sieht, macht manchmal auch grausige Funde. Als im Mai 2010 ein Toter vor der Bürgerwache gefunden wurde, war Annabella die erste, der auffiel, dass es sich um eine Leiche handelte. „Der ist direkt vor der Bürgerwache im Sitzen gestorben. Es sah so aus, als würde er schlafen“. Niemand hätte sich getraut, zu ihm hinzugehen. Bis auf Annabella. „Ich hab dann noch eine Weile Kerzen für ihn dort aufgestellt“.

149 Zentimeter geballte Lebenslust. Zum Geburtstag – dem 2. Oktober – beschenkt sie sich Annabella immer mit einem Zoobesuch, mal in Münster, mal in Köln, auch mal nach Osnabrück oder Wuppertal. Mit einer Ausnahme: Zu ihrem 40. Geburtstag wurde ihr eine Ballonfahrt geschenkt. Und seit 1990 findet sie es super, am darauf folgenden Tag ausschlafen zu können.

120203_1559_img_0544Neuerdings hat sie auch Gesellschaft bei sich zuhause, denn sie hat sich zwei Wellensittiche aufgezogen. Von ihnen zeigt sie gerne und stolz ein Foto auf ihrem Handy.

Wenn sie zum Schluss gefragt wird: „Was hast Du heute noch vor?“, dann antwortet Annabella: „Du meinst wohl ‚dahinter'“. Tatsächlich lief es an diesem Freitag aber auf Fernsehen gucken hinaus. „Mitten im Leben“ oder „Verdachtsfälle“.

Auf Annabella ist auf jeden Fall Verlass, auch wenn es darum geht, stundenlang Anekdoten aus dem Westen zu erzählen.

Wir wünschen Annabella noch ein langes Leben im Kreise von uns Nachbarn. Und genau so viel und noch mehr Freude wie bisher.

 

Siehe auch: Annabellas O-Töne

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