40 beste Freunde

40 beste Freunde

Während sich in der Bundeshauptstadt die Größen der Filmbranche bei der Berlinale ein Stelldichein geben, lädt die „Initiative Bielefelder wurmparadeSubkultur“ den Filmjournalisten Christian Kessler ein – mitsamt einem Vortrag über absonderliche Produkte, von denen selbst wenige Cineasten je gehört haben dürften. „Wurmparade auf dem Zombiehof“ heißt sein aktuelles Buch, in dem er erzählt von „Leinwandwerken, die sich unsere Schulweisheit nicht träumen läßt“.

Wer hat auch schon jemals den „Deafjula„(1975) gesehen, einem Vampirfilm für Taubstumme, in dem sämtliche Akteure – also auch die Blutsauger – per Gebärdensprache kommunizieren? Oder den Film „Incubus“ (1966) mit William Shatner, einem Film, der komplett auf Esperanto gedreht wurde?

Kessler kennt sie aber alle, und wie schon bei einem früheren Vortrag über die „Läufige Leinwand“ (es ging um amerikanischen Hardcoreporno der 1970er und 80er Jahre) hatte er zahlreiche Ausschnitte mitgebracht, die er einem interessiertem und gut aufgelegten Publikum im „Nr.z.P.“ präsentierte.

Die Schönheit des daneben Gegangenen

„40 Gründe, den Trashfilm zu lieben“ ist sein Buch untertitelt. Den Begriff Trashfilm lehne er aber eigentlich ab. „Trash“ würde vielmehr modisch verwendet, wie bei der Tele5-Sendung „SchleFaZ“ [Anm.: Die schlechtesten Filme aller Zeiten] und beziehe sich auf etwas absichtlich Schräges und Komisches. Kessler findet das herablassend. Ihm ginge es stattdessen um einen besonderen Blick für das Absurde. Oder um die Schönheit des leider daneben Gegangenen.

Beispiel Ed Wood: Posthum von einigen Kritikern als der schlechteste Regisseur aller Zeiten bezeichnet und geehrt durch einen gleichnamigen Film von Tim Burton mit Johnny Depp, hält Kessler seine Filme für „mit ganz viel Herzblut“ entstanden und durchaus für ernsthaft gemeint. Woods Film „Glen or Glenda“ (1953) – einem Film über Transsexualität – sei absolut symphatisch inszeniert, zumal Wood selbst als Trnasvestit mitspiele zu einer Zeit, in der dies noch ein Skandal in den USA war.

40 Beispiele hat Kessler in seinem Buch gesammelt – 40 Zeugnisse für Absonderliches neben den Filmstandards. „Aber eigentlich ist es wie ein Videoabend mit 40 guten Freunden“, gesteht er lächelnd in der Pause. Und offenbar hat er für so ziemlich jedes Genre ein paar Freunde gefunden.

Western, Action, Softporno

Für den Western konnte Kessler dann auch als eine der frühesten Preziosen den Film „The Terror of Tiny Town“ (1938) nennen, einem Western, der komplett mit kleinwüchsigen Menschen besetzt ist (komplett auf Youtube hier). „Das Tolle daran ist, dass der Film sich an keiner Stelle lustig macht“. Notiz am Rande: Einige der Darsteller hätten später Rollen in „Land of Oz“ bekommen.

Als er selber im Teenageralter auf Rollensuche war und in der Videothek nach „Testosteronfilmen“ suchte vom Schlage Schwarzenegger/Stallone wie z.B. „City Cobra“, konnte man sich auch schnell vergreifen und etwas wie „Cobra Force“ (1987) von Bruno Mattei erwischen: „Es ist entwaffnend, wenn Männer so dargestellt werden“. Aber es sei überraschend unterhaltsam. In die Rubrik Replik der ‚Männerfilme‘ gehöre dann aber so etwas wie „Operation Dance Sensation“ der Brüder Gosejohann (komplett hier). „Das ist der beste Vietnam-Tanzfilm, den ich je gesehen habe“ (Kessler).

Demgegenüber fasste der Vortragende unter „Frauenfilme“ solche wie die der Regisseurin Doris Wishman. Beispielhaft dafür sollte „Double Agent 73“ zeichnen. Bizarres Detail: Im Film wird der Agentin eine kleine Kamera in die linke Brust implantiert, mit der sie jedes ihrer Opfer fotografieren (mittels Griff an eben diese, mit anschließendem Klickgeräusch und Blitz) sollte. Die sollte auch als Beispiel dafür gelten, wie kruder die Handlungsstränge wurden (je nachdem wie locker die Zensurbestimmungen gerade waren), um nackte Haut zeigen zu können.

Zur Kategorie „Haut zeigen, aber wie?“ zählte für Kessler auch der 1981er Film „Die Todesgöttin des Liebescamps“ (Original: „Love Camp“) des Ex-Schlagersängers Christian Anders. Bevor Anders sich endgültig dem Verfassen spiritistischer, umstrittener Literatur widmete, hatt er sich hier noch einmal mit den Themen Prostitution und Sekten eingelassen. Ein Unterfangen, das im Ergebnis aber einen unfreiwillig komischen Softporno mit Musik- und Tanzszenen um eine Sekte mit kriminellen Praktiken hatte.

Vom Monsterkaninchen zur VW-Käfer-Spinne

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Gemeinsam gucken: „Angriff der Riesenspinne“.

Den Gipfel des „Trash“ schießen in der Regel die Horrorfilme ab. In diesem Genre hätte Kessler vermutlich unendlich fündig werden können. Der 1972er Film „Night of the Lepus“ könne schon stellvertretend für zahlreiche Fehlgriffe der B-Movies dort sein. Hätte man bei der Produktion des „Lepus“ ansonsten bei Kosten und Besetzung nicht gespart, wäre man allerdings bei der Wahl der Monster einem Trugschluss erlegen: Riesige Kaninchen, die den mittleren Westen niederhoppeln, könnten einfach nicht gruselig sein.

Das gelang auch den Machern von „Angriff der Riesenspinne“ (1975) nicht. Eine riesige Spinne hätte sicherlich für reichlich Gänsehaut gesorgt. Wenn aber die Spinnenfigur auf einen alten VW-Käfer gespannt wird, die Reifen in einigen Szenen zu sehen sind und sich die Beine des Tierchens ansonsten sehr plump bewegen, dann erzeugt das doch ein paar ungewollte Lacher.

Bücher von Christian Kessler kann man hier bestellen.

 

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